AKW-Tourismus

April 2013

25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl öffnete die Ukraine im Februar 2011 die AKW-Ruine für den Tourismus.

Der Sarkophag von Reaktor 4 strahlt mittlerweile selber, ist rissig und einsturzgefährdet. Das AKW bleibt weiterhin gefährlich und die Umgebung ist weiterhin stark verstrahlt.

Trotz der tödlichen Gefahr ging der letzte Reaktor am AKW Tschernobyl erst 2001 vom Netz. Pläne für den dringend benötigten Bau einer neuen Schutzhülle für Reaktor 4 lagen schon länger vor, es scheiterte jedoch immer wieder an der Finanzierung. Eine neue Schutzhülle wird jetzt aber endlich errichtet. An der Finanzierung, die etwa 1 Mrd. Euro umfassen wird, beteiligen sich 40 Staaten. Baubeginn ist Ende April 2012, am 26. Jahrestag gewesen. Die neue Schutzhülle wird voraussichtlich 2015 fertig sein und soll 100 Jahre halten.

Und jetzt kommen die AKW-Touristen, die das zerstörte AKW aus der Nähe betrachten wollen. Mit ihren mitgebrachten Geigerzählern messen sie die Strahlung und geben sich gegenseitig Tipps, wie man das Gerät am besten halten soll, um genauere Messergebnisse zu erzielen. Sie kommen über geführte Touren mit Bussen in die Todeszone bis hin zur AKW-Ruine. Und das alles mit dem offiziellen Segen der ukrainischen Regierung.

In unmittelbarer Nähe des Reaktors 4 ist die Strahlung noch so hoch, daß dort nur ein Aufenthalt von wenigen Minuten möglich ist. Um sich vor dem radioaktiven Staub zu schützen, müssen die AKW-Touristen Atemmaske, Handschuhe und Strahlenschutzanzug tragen.

Die Organisation ,,Tschernobylinterinform'', bestehend aus 16 Mitarbeitern, begründet dieses Angebot damit, dem Besuchern die Geschichte des Unglücks in Tschernobyl näher bringen zu wollen (Stand: 02/2011). 

Die nahegelegene Stadt Pripjat mit einst 50 000 EW, ist heute ebenfalls noch so stark verstrahlt, das sie nie mehr bewohnbar ist. In der 30 km Sperrzone findet man zerfallene Häuser, wild wuchernde Bäume und Sträucher. Hier und dort ist ein gelbes Warnschild mit dem Radioaktivitätszeichen zu sehen.

In Kiew werden weitere Touren in die 100 km Umgebung der AKW-Ruine angeboten. Für Touren, die direkt in die Sperrzone und zum AKW führen, ist eine Sondergenehmigung erforderlich. Dennoch haben diese Extremtouren einen großen Zulauf.

Circa 50% der AKW-Touristen kommen aus dem Westen, wie z.B. England und weiterer westeuropäischer Länder. Die restlichen 50% kommen aus der ehemaligen Sowjetunion.

Je nach Umfang der Extremtour bezahlt der Besucher bis zu 275 Euro. Die russischen Besucher erhalten jedoch einen wesentlich günstigeren Tarif und sind somit schon mit 45 Euro dabei. Vor Beginn der Tour muss jeder Besucher die Sicherheitsregelungen des Veranstalters lesen und unterschreiben. Der Veranstalter übernimmt somit keinerlei Verantwortung für gesundheitliche Schäden der Besucher.

Trotz der gesundheitlichen Gefahren durch die hohe Strahlung ist die Nachfrage sehr groß.

Der ukrainische Minister für Umwelt und Katastrophenschutz empfiehlt diese Touren sogar ausdrücklich. Denn für die sonst eher weniger durch Touristen frequentierte Ukraine bedeutet das eine sehr gute finanzielle Einnahmequelle.

Auch das durch das Erdbeben und Tsunami zerstörte AKW Fukushima dai ichi hält Neugierige nicht ab. Schon kurz nach dem GAU im März 2011, vor der Abriegelung der

20 km-Sperrzone, fuhren einige Leute dort hinein. Mit Strahlenmessgeräten ausgerüstet schauen sie in 2 bis 3 km Entfernung auf das zerstörte AKW und präsentieren ihre Messwerte hinterher im Internet.

Der Grund für diese Aktionen ist unter anderem aber auch, das sie den Angaben von Tepco und der Regierung nicht glauben können.

,,Wir haben schon so viele Falschinformationen durch Tepco und der Regierung erhalten, so dass wir uns lieber selber, so weit es möglich ist, ein Bild machen wollen''

,,Auch die veröffentlichten Strahlenwerte entsprechen nicht immer der Realität''

So auch zwei junge Männer, die mit dem Auto in die Sperrzone fahren, laufend die zunehmende Strahlung messen und die gesamte Fahrt auf Video dokumentieren. Zuerst wundern sich die beiden, das es, entgegen der Medienangaben keine Straßensperren oder Polizeikontrollen gibt, wenn man sich der Sperrzone nähert. Auch das Navi zeigt anstandslos den kürzesten Weg zum AKW Fukushima dai ichi an. Es erfolgt noch nicht einmal eine Umleitungsempfehlung durch das Navi wegen der durch das Erdbeben zerstörten Straßenabschnitte und  auch absolut kein Warnhinweis bezüglich der verstrahlten Region. Einen eventuellen Stau hätte das Gerät aber mit Sicherheit gemeldet.

So passiert es, das die beiden einen völlig zerstörten Straßenabschnitt, entgegen der Navi-Angaben gar nicht erst passieren können. Sie suchen sich einen anderen Weg über eine weniger zerstörte Straße, die zumindest einspurig unter Vorsicht befahrbar ist. Über eine mögliche Autopanne, wobei das Fahrzeug liegen bleiben könnte, sind sie sich scheinbar nicht bewusst. Somit wären sie, im Falle einer Reifenpanne stundenlang der hohen Strahlung ausgesetzt gewesen.

Vereinzelt laufen zurückgelassene Hunde herum. Auf einem Streckenabschnitt, nahe dem AKW versperrt ihnen eine Herde ausgehungerter Rinder den Weg.

An der Küste angekommen, blicken sie nun auf das 1,5 km entfernte havarierte AKW und messen eine Strahlung von 104 µSv/h.

Auch heute noch, nach dem die Sperrzone abgeriegelt worden ist, lassen sich Leute in die Sperrzone einschleusen. Dazu werden z.B. AKW-Mitarbeiter angesprochen, die die ,,Besucher'' dann heimlich in die Sperrzone einschleusen. In der Regel sind die AKW-Mitarbeiter diesbezüglich sehr kooperativ, da sie auch ihrerseits dem Besucher ihr Leid in der Strahlenhölle näher bringen möchten. 

Bild: Video-Ausschnitt einer Dokumentation. Kontrollpunkt an der Zufahrtsstraße zur Sperrzone

 

Antiatom-fuku liegen Direktinformationen von Leuten vor, die sich von AKW-Arbeitern in die Sperrzone haben einschleusen lassen (12/2011).  ,,Ich habe einen AKW-Arbeiter angesprochen, der mich mit hinein genommen hat. Ich wollte mir selber ein Bild davon machen''.

Auf dem in der E-Mail mitgeschickten Bild ist ein Küstenabschnitt der völlig verstrahlten Ortschaft Futaba zu sehen, der nur 7 km vom AKW entfernt liegt. 

Weiter berichtet er:,, Es ist alles verwaist, die Sträucher wuchern, überall liegen noch die Trümmer herum''.

Die seit April 2011 abgeriegelte 20 km-Sperrzone hat nur noch einen einzigen Zugang, an einem ehemaligen Sportzentrum, der laufend bewacht wird. Das unbefugte Eindringen in die Sperrzone wird mit 1000 Euro geahndet. Und trotz dem nehmen die Leute das gesundheitliche Risiko und eine mögliche Geldstrafe in Kauf, nur um einmal in der Sperrzone gewesen zu sein.

In Anführungsstrichen begründet sind diese Besuche jedoch für die Jenigen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten und diese aber noch einmal sehen möchten.

Laut offiziellen Angaben leben sogar noch 11 Menschen in der Sperrzone, wovon der Jüngste 54 Jahre alt ist (Stand: 12/2011). Sie wollen ihre Heimat auf keinen Fall aufgeben, egal was kommt. Das Leben in der Sperrzone ist zwar ausdrücklich verboten, sie werden jedoch dort geduldet.    Bild: Luftaufnahme, NHK. Futaba, der Ort zu dem auch das AKW Fukushima dai ichi gehört. Hinten sieht man die Küste und das havarierte AKW.

 

AKW Tourismus in Tschernobyl und Fukushima

Die Ukraine hat das AKW Tschernobyl für Besucher geöffnet. Trotz gesundheitlicher Gefahren ist die Nachfrage groß. So auch in Fukushima, wo die Besucher allerdings heimlich in die Sperrzone eingeschleust werden. Wer erwischt wird, zahlt 1000 Euro Strafe (04/2011).

 

Touristen bald auch im AKW Fukushima dai ichi ?

Pläne für AKW-Tourismus auch in Fukushima geplant. Der bekannte japanische Kulturkritiker Prof. H. Azuma will damit ein Mahnmal schaffen und die lokale Wirtschaft in der Präfektur voranbringen.

Heute, 27 Jahre nach Tschernobyl sind die AKW-Opfer noch nicht einmal alle geboren.

AKW Tschernobyl nach dem GAU im April 1986

Verstrahlte Gebiete

Selbst durchgeführte Messungen durch ehemalige Anwohner.

Bilder: Ausschnitte aus Insidervideos. Das Gerät zeigt 5,3 µSv/h