AKW Mihama, maroder Altreaktor bald wieder am Netz

 

Juni 2021

Trotz hohem Gefahrenpotential: Altreaktor Mihama 3 bald wieder am Netz

Am 23. Juni 2021 soll der von den Kansai Elektrizitätswerken betriebene Reaktor 3, AKW Mihama, Präfektur Fukui nach zehnjährigem Betriebsstillstand wieder hochgefahren werden. Hierbei handelt es sich um einen in die Jahre gekommenen Druckwasserreaktor (DWR) aus dem Jahr 1976, wofür die Atomaufsichtsbehörde NRA, unter der Voraussetzung einer Nachrüstung, gemäß gesetzlich festgelegter Sicherheitsanforderungen, eine Laufzeitverlängerung für weitere 20 Jahre erteilt hat. Somit würde der Reaktor am Ende eine Betriebszeit von 60! Jahren erreichen. Bedenklich hierbei ist schon alleine die Tatsache, dass Reaktoren, die im laufenden Betrieb ohnehin schon sehr hohen Belastungen ausgesetzt sind, trotz der regelmäßigen Wartung, mit der Zeit immer störanfälliger werden. Statistiken belegen bereits, dass sich die Störfälle mit zunehmender Betriebsdauer alternden Reaktoren deutlich häufen1.  

Die beiden Reaktoren 1 und 2 aus dem Jahr 1970 und 1972, ebenfalls zwei DWR, wurden bereits am 27.04.2015 stillgelegt. Nach Berechnungen der Kansai Elektrizitätswerke, die für diese beiden Reaktoren ebenfalls eine Laufzeitverlängerung anstreben wollte, wäre eine Nachrüstung gemäß den gesetzlichen Mindestanforderungen allerding sehr kostenintensiv und dem entsprechend unwirtschaftlich, so dass sich die Investition nicht mehr lohnen würde, weshalb man sich dann lieber für eine Stilllegung beider Reaktoren entschieden hat.

Obwohl der Reaktor 3 wegen der fehlenden Terrorschutznachbesserung Ende Oktober, also nach nur vier Monaten wieder vom Netz muss, soll er dennoch Ende Juni hochgefahren werden. Die gesetzlich geforderten Terrorschutznachbesserungen hätten eigentlich schon erbracht werden müssen. Hier haben die Kansai Elektrizitätswerke jedoch die Frist verstreichen lassen.

Normalerweise wäre der Reaktor 3 am AKW Mihama „nur“ für eine maximale Laufzeit von 40 Jahren ausgelegt gewesen. Dies trifft natürlich auch für die übrigen Reaktoren in Japan zu. Denn obwohl der Reaktor 3 am AKW Mihama nachgerüstet worden ist, weist er weiterhin einige Schwachstellen auf, die auf das zunehmende Alter zurückzuführen sind. Das bedeutet nämlich, dass einige Bauteile, vor allem der Reaktordruckbehälter selber (Versprödung durch Neutronenbeschuss!), oder schlecht zugängliche Rohrleitungen (hohe Radioaktivität!), nicht so leicht, bzw. gar nicht nachgebessert, bzw. ausgetauscht werden können. 

 

Geologische Gefahren und aktive Vulkane am AKW Mihama

Unterhalb von Reaktor 3 verläuft eine seismisch aktive Verwerfung. Insgesamt wird das AKW-Gelände von neun geologischen Verwerfungslinien durchzogen, die zum Teil auch unterhalb der Reaktoren verlaufen. Etwas weiter südlich des AKWs verläuft eine 1km lange Verwerfung, die ebenfalls seismisch aktiv ist.   

Nach Gutachten der Atomaufsichtsbehörde NRA verläuft am Reaktor 3 eine seismisch aktive geologische Verwerfungslinie, was im Falle eines Erdbebens gravierende Folgen haben könnte. Nicht ohne Grund wird diese seismische Aktivität von den betreibenden Kansai Elektrizitätswerken abgestritten, da genau das nämlich die sofortige Stilllegung des Reaktors nach sich ziehen könnte. Hier fordern die Kansai Elektrizitätswerke sogar ein neues Gutachten und legen eigene Daten vor, die eine seismische Aktivität angeblich widerlegen sollen.

Der aktive Vulkan Daisen, Präfektur Tottori liegt nur etwa 200 km südlich der Wakasa-Bucht, wo sich die o.g. AKWs befinden. Im Falle einer Eruption könnte die Vulkanasche erhebliche Schäden an den Reaktoren mit entsprechenden Folgen anrichten. Nach neusten Berechnungen unabhängiger Wissenschaftler, die anhand einer Computersimulation getätigt worden sind, würde in der Wakasa-Bucht, wo sich 15 Reaktoren (zum Teil schon stillgelegt) befinden, eine bis zu 20cm dicke Ascheschicht niedergehen (05/2021). Dennoch vertritt die Atomaufsichtsbehörde NRA die Meinung, dass die von den Stromkonzernen getätigten Sicherheitsvorkehrungen an den AKWs der Wakasa-Bucht ausreichend sein.

Neben den zusätzlichen Gefahren der drei Altreaktoren, die wieder ans Netz sollen, ist zu beachten, dass sich in der Wakasa-Bucht insgesamt 15, wenn auch zum Teil schon stillgelegte Reaktoren, inklusive des Schnellen Brüters Monju auf einer Fläche von weniger als 20km befinden. Im 50km-Umkreis befinden sich mit den Großstädten Kyoto und Osaka dicht besiedelte Gebiete mit insgesamt 14 Mio. Einwohnern und der Biwasee, der als wichtiges Trinkwasserreservoir für die Region gilt.

 

Der eigentliche Grund für die Laufzeitbegrenzung von maximal 40 Jahren und die Umgehung durch eine Laufzeitverlängerung

Dem japanischen Atomgesetz zufolge soll ein Reaktor nach 40jähriger Betriebszeit endgültig stillgelegt werden. Mit dieser Begrenzung soll das Risiko verringert werden, indem alte, immer störanfällig werdende Reaktoren, samt ihrer veralteten Technologie aus dem Verkehr gezogen werden; eine Regelung, die aus den Lehren früherer Atomunfälle basiert.

Laut dem Gesetz sollte eine Laufzeitverlängerung, die nur einmal, und auch nur für maximal 20 weitere Jahre erteilt werden kann, nur im absoluten Ausnahmefall erfolgen. So ist es lediglich als eventuelle Vorsichtsmaßnahme und zur Vorbeugung eines knappen Angebotes bei hoher Nachfrage nach Elektrizität, und auch nur nach Genehmigung der Atomaufsichtsbehörde NRA möglich, den Betrieb des Reaktors einmalig bis maximal 20 Jahre zu verlängern. Dies sollte jedoch nur die absolute Ausnahme sei, so die Vorgabe im Gesetz!

Im Fall von Mihama 3, Takahama 1 und 2 ist es jedoch mehr oder weniger nur eine „Ausnahme unter den Ausnahmen", aber kein zwingender Grund! Und es ist auch nicht hinnehmbar, so unabhängige Experten und Bürgerinitiativen, dass die Grundrechte einer Gesellschaft, die nämlich nicht auf Kernenergie angewiesen ist, in dieser Form missachtet werden. Somit liegt der Verdacht nahe, dass im Fall der drei Altreaktoren Mihama 3, Takahama 1 und 2, die alle vom selben Stromkonzern, nämlich von den Kansai Elektrizitätswerken betrieben werden, eher die wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund stehen, die nicht nur einige Firmen und Institutionen, die in Verbindung mit den AKWs ihrer Region stehen, sondern auch den Lokalpolitikern zu Gute kämen. Zumal die „Spenden“ und „finanziellen Unterstützungen“ für die Region, z.B. für besondere Bauprojekte, stets willkommene Finanzspritzen sind. Somit erklärt es sich auch von selbst, warum sämtliche Lokalpolitiker einen Neustart der Altreaktoren, bzw. den uneingeschränkten Weiterbetrieb der AKWs fordern.

Allerdings werden dadurch die Gefahren alter Reaktoren nicht geringer! Denn trotz all der ganzen Nachrüstung kann „das Herz“ des Reaktors, also der Reaktordruck- und Sicherheitsbehälter nicht ersetzt werden!

Denn im Laufe der Betriebsjahre wird das Metall des Reaktordruckbehälters durch den Neutronenbeschuss, der während der Kernspaltung abläuft, immer spröder, so dass der Reaktor, spätestens nach 40 Jahren nicht mehr weiter betrieben werden sollte! Unter diesen Umständen ist ein Weiterbetrieb absolut verantwortungslos. Zudem gibt es nur wenige Daten darüber, wie rasch und in welchem Ausmaß der Verschleiß voranschreitet. Fakt hingegen ist jedoch, dass sich die Störfälle bei alternden Reaktoren mit zunehmender Betriebszeit immer mehr häufen!

 

Immer mehr Brennelemente auf dem Gelände, aber kein Atommülllager

Unklar ist auch der Umgang mit abgebrannten Brennelementen, die sich weiterhin auf dem Gelände der AKWs ansammeln. Die Kansai Elektrizitätswerke hatte der Präfekturverwaltung versprochen, ein Zwischenlager außerhalb der Präfektur Fukui zu organisieren, was eigentlich auch als Voraussetzung für die Genehmigung zur Wiederinbetriebnahme der drei Altreaktoren Mihama 3, Takahama 1 und 2 gewesen ist. Und obwohl die Kansai Elektrizitätswerke bis heute noch kein Zwischenlager für die abgebrannten Brennelemente vorweisen konnten, vor allem zu Entlastung der drei Altreaktoren, wo der Platz nämlich jetzt schon knapp ist, hat die Präfekturverwaltung die Genehmigung zur Wiederinbetriebnahme aller drei Altreaktoren erteilt.

Angestrebt hatten die Kansai Elektrizitätswerke ein Zwischenlager in Mutsu, Präfektur Aomori, das dort gebaut werden soll. Der Bürgermeister der Stadt Mutsu, sowie einige Bürgerinitiativen und Umweltorganisationen lehnten dies jedoch strikt ab; mit dem Ergebnis, dass die weitere Atommüllzwischenlagerung bei immer voller werdenden Abklingbecken der drei o.g. Reaktoren immer noch nicht geklärt ist, aber die Reaktoren wieder in Betrieb gehen dürfen und somit noch mehr Atommüll produzieren.

 

AKW Mihama, ein brisanter Störfall im Reaktorblock 3

Am 09.08.2004 wurden bei Wartungsarbeiten im Reaktorblock 3 vier Arbeiter einer Leiharbeitsfirma mit 270°C heißem Wasserdampf verbrüht. Alle vier starben qualvoll an den Folgen der Verbrühung. Weitere 7 Arbeiter wurden verletzt. Durch abnutzungsbedingte Ausdünnung kam es im Turbinenhaus zum Bersten eines großen Rohres des Sekundärkreislaufes, so dass der heiße, unter Druck stehende Dampf plötzlich herausschoss. Die Abnutzung, also die Ausdünnung der Rohrwände wurde aufgrund erheblicher Wartungsmängel über Jahre hinweg nicht bemerkt.

Weitere Infos

Nach Fukushima – die AKWs in Japan (antiatom-fuku 06/2019)

Informationen zu den besonderen Gefahren jener Reaktoren, die nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 für die Wiederinbetriebnahme vorgesehen werden, bzw. schon wieder in Betrieb gegangen sind, oder endgültig stillgelegt worden sind. Zum Bericht

Zu 1) Statistiken zur zunehmenden Störanfälligkeit alternder Reaktoren (Greenpeace)

Präsentation der ersten internationalen Studie über die Risiken von Laufzeitverlängerungen alter AKW (AN24 03/2019)

Steigende Gefahr durch alte Atomkraftwerke (Global 2000)

Zehn Jahre nach Fukushima – Kernkraft bleibt gefährlich und unzuverlässig (DWI 03/2021)

 

Letzte Änderung 05/2021