Atomunfall von Tokaimura 1999

 

September/ Oktober 2019

Der Atomunfall von Tokaimura vor 20 Jahren

Rückblick: 30.09.1999, schwerer Kritikalitätsunfall in der Brennelementefabrik JCO in Tokaimura. Drei Arbeiter schwer verstrahlt. . .  

Nicht nur die verheerende Katastrophe von Fukushima 2011, sondern auch der Atomunfall von Tokai (auch Tokaimura genannt, „Mura“ heißt „Dorf“) 1999, hielt Japan, aber ganz besonders die Stadt Tokai, die über eine Vielzahl verschiedener Atomanlagen verfügt, nicht von der Weiternutzung der gefährlichen Atomkraft ab. Die Stadt Tokai, in der 1966 das erste kommerziell genutzte AKW Japans, nämlich Tokai 1 ans Netz ging, bezeichnete sich sogar als „Geburtsstadt der Kernenergie“. 

Der Atomunfall von Tokai, Präfektur Ibaraki, 120 km nördlich von Tokyo, der sich nun zum 20. Male jährte, geschah am 30.09.1999 vormittags um 10:35 Uhr. Auf der INES-Skala wurde der Unfall mit Stufe vier (Unfall) eingestuft.

Damals wurden 3 Arbeiter der Brennelementefabrik JCO, die sich am Rande der Stadt Tokai befindet schwer verstrahlt, als es bei der Zusammenführung verschiedener chemischer und hochkonzentrierter, uranhaltiger Flüssigkeiten zum Kritikalitätsunfall kam.

Es sollte ein hochangereicherter Uranbrennstoff für den Forschungsreaktor Joyo, ein „Brutreaktor“ in Oarai, südlich von Tokai hergestellt werden. Die entsprechenden Arbeitsschritte waren jedoch sehr aufwändig, teuer und nahmen viel Zeil in Anspruch, so dass diese aus „wirtschaftlichen“ Gründen, aber auf Kosten der Sicherheit, insbesondere des Arbeitsschutzes verkürzte, bzw. auf fahrlässiger Art und Weise abgeändert hatte.  

Die Arbeitsschritte auf diese Art und Weise zu verkürzen, wie hier geschehen, hatte nun fatale Folgen: Da die Dosierung des Urans, das in den Mischbehälter eingefüllt worden ist, viel zu hoch war, nämlich sogar um das sechsfache der zugelassenen Maximaldosis, explodierte die Mischung regelrecht. Es folgte eine unkontrollierbare Kettenreaktion, die erst nach knapp 20 Stunden unterbrochen werden konnte!

Die drei beteiligten Arbeiter, die über die Gefahren der nuklearen Stoffe, mit denen sie umgingen, noch nicht einmal richtig aufgeklärt waren, nahmen die Explosion als „blauen Blitz“ (Tscherenkow-Blitz) war. Es wurde eine große Menge Neutronenstrahlung frei, die sich durch ihre Körper bohrte. Also eine sehr hohe Dosis Radioaktivität, die hier nun schlagartig freigesetzt worden ist.

Ihr Chef, der sich in einem Nebenraum befand, rief noch: „Rennt um euer Leben!“. . . aber da war es schon zu spät! Das weglaufen half nicht mehr. Denn die Dosis von 20 Sv, die zwei der drei Arbeiter erhielten, war, wie sich hinterher zeigte, absolut tödlich. Beide starben in den nächsten Wochen qualvoll an einer Strahlenkrankheit. Der dritte Arbeiter, also ihr Chef, hatte, weil er sich zum Unfallzeitpunkt in einen Nebenraum befand, eine etwas niedrigere Dosis abbekommen. Auch er verstarb, wenn auch etwas später.

Die unmittelbare Umgebung (Umkreis von 350 Meter) der Brennelementefabrik JCO musste vorübergehend evakuiert werden. 310.000 Menschen, die im 10-km-Umkreis der Anlage wohnten, sollten in ihren Wohnungen verbleiben.

Die Stadt Tokai mit ihren vielen Atomanlagen, wozu auch die besagte Brennelementefabrik JCO und das AKW Tokai gehören, weist im Vergleich zu anderen Gegenden, wo sich Atomanlagen, bzw. AKWs befinden, eine sehr hohe Bewohnerdichte auf. So hat der 30-km-Umkreis 960.000 Einwohner.

Aber die Katastrophenschutz- und Evakuierungspläne, auch in Bezug auf einen möglichen schweren Unfall am AKW Tokai 2 sind weiterhin unzureichend (Stand: 09/2019). 

Nicht nur die drei Arbeiter, die am Unfall beteiligt gewesen sind, sondern auch einige weitere JCO-Beschäftigte, was jedoch erst am Folgetag bekannt wurde, haben Strahlung abbekommen.

Erst am Morgen des folgenden Tages, also am 01.10.1999 hatte man die Kettenreaktion beenden und somit die Kritikalität, die knapp 20 Stunden angedauert hatte, in den Griff bekommen.

Nach dem Tod der ersten beiden Arbeiter klagten die Angehörigen vor Gericht. Im März 2003 verurteilte das Amtsgericht Mito die sechs Hauptverantwortlichen der Nuklearfirma JCO wegen wiederholter grober Fahrlässigkeit. Diese mussten jedoch nur eine milde Haftstrafe von 2 bis 3 Jahren mit Bewährung verbüßen. Weder die Staatsanwaltschaft noch die Verteidigung gingen in Revision.

Das Gebäude auf dem JCO-Gelände, das die Gemeinde als Gedenkstätte erhalten wollte, wurde jedoch abgerissen.

Dafür wurde 2006 auf der „Atomstraße 245“ in Tokai das „Museum für Wissenschaft der Atomenergie“ (Atomic Energy Science Museum), das u.a. den JCO-Unfall beschreibt, eingerichtet. Es liegt direkt an der Nationalstraße 245, wo sich weitere Atomanlagen und das AKW Tokai 2 befinden.

 

 

Video und weitere Artikel und Informationen zur Atomstadt Tokai

Video: Der Kritikalitätsunfall von Tokai (Japanisch mit deutschen Untertiteln)

Artikel: Die Ausnahme unter den Ausnahmen – Laufzeitverlängerung für das AKW Tokai 2 in der Rubrik „weitere Atomthemen"

Artikel: „Blauer Blitz in Fernost“ ein Artikel vom 04.10.1999 (Magazin Spiegel)

 

Buch-Tipp

83 Tage

Der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi

JCO, die Urananreicherungsanlage in Tokaimura. Was morgens an einem Septembertag 1999 ganz normal begann, endete in einen schweren Kritikalitätsunfall, wobei 3 Arbeiter schwer verstrahlt worden sind...

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