Friedensbotschaft von Nagasaki 2018

Friedensdeklaration von Nagasaki  (Übersetzung aus dem Japanischen 08/2018)

Es geschah an jenem Tag vor 73 Jahren, um 11:02 Uhr am 9. August 1945. Die Explosion einer einzigen Atombombe am blauen Sommerhimmel verwandelte die Stadt Nagasaki in ein Trümmerfeld. Menschen, Tiere, Pflanzen, Bäume alles sonstige Leben verbrannte zu Asche. Unzählige Leichen lagen verstreut in den ausgelöschten Straßen. Also die Leichen jener Menschen, die auf der Suche nach Wasser erschöpft in den Flüssen hin und her wippten, zusammenbrachen, und nun dahintrieben, bis sie die Flussmündungen erreichten. 150.000 Menschen wurden getötet oder verwundet und diejenigen, die irgendwie überlebt hatten, erlitten schwere seelische und körperliche Verletzungen. Bis zum heutigen Tag sind sie von den Nachwirkungen der Strahlenexposition betroffen. Atombomben sind grausame Waffen, die Menschen gnadenlos ihrer Würde berauben, ihr Leben auf humane Weise zu leben.

Im Jahr 1946 beschlossen die neu gegründeten Vereinten Nationen in der ersten Resolution ihrer Generalversammlung die Vernichtung von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen. Die Verfassung Japans, die im selben Jahr verkündet wurde, legte den Pazifismus als eine ihrer unerschütterlichen Säulen fest. Dies war ein starker Ausdruck der Entschlossenheit, dass die Tragödie der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki sowie der Krieg, den sie hervorrief, sich niemals wiederholen dürften. Die Erfüllung dieses Beschlusses

wurde dann der Zukunft anvertraut. Die kontinuierlichen Bemühungen, diesen Beschluss der Länder und Menschen, vor allem der Atombombenüberlebenden zu verwirklichen, trugen letztes Jahr Früchte, als die Vereinten Nationen den Vertrag

über das Verbot von Kernwaffen (TPNW) verabschiedeten. Darüber hinaus wurde die Internationale Kampagne zur Abschaffung der Kernwaffen (auch bekannt als ICAN), die einen großen Beitrag zu den Bemühungen zur Verabschiedung dieses Vertrags leistete, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Diese beiden Entwicklungen

beweisen, dass die meisten Menschen dieser Erde weiterhin bestrebt sind, eine von Nuklearwaffen freie Welt zu schaffen. Aber auch heute, 73 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, gibt es weltweit etwa 14.450 Atomsprengköpfe. Zur großen Besorgnis derjenigen, die in den von Atombomben getroffenen Städten leben, gibt es einen neuerlichen Trend dazu, Kernwaffen öffentlich als notwendig und wirksam zur Steigerung militärischer Macht darzustellen.

Ich appelliere hiermit an die Führer der Atomstaaten und Nationen, die davon abhängig sind: „Bitte vergessen Sie nicht den Beschluss der ersten Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen, auf die Beseitigung von Atomwaffen hinzuarbeiten. Bitte erfüllen Sie außerdem das Versprechen, die atomare Abrüstung ehrlich voranzutreiben, dass der Welt vor 50 Jahren im Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (oder NVV) gegeben wurde“. Ich fordere Sie dringend auf, zu einer Sicherheitspolitik überzugehen, die nicht von Atomwaffen abhängig ist, bevor die Menschheit erneut einen Fehler begeht, der noch mehr

Atombombenopfer zur Folge hätte.

An die Völker dieser Welt richte ich die Bitte, von den Regierungen und Parlamenten in Ihren Ländern die Unterzeichnung und Ratifizierung des TPNW zu fordern, damit dieser Vertrag so bald wie möglich in Kraft treten kann. Die Regierung von Japan hat sich dafür entschieden, den TPNW nicht zu unterzeichnen. Als Reaktion darauf haben

mehr als 300 lokale Verbände ihren Wunsch geäußert, dass dieser Vertrag unterzeichnet und ratifiziert werden soll.

Ich fordere hiermit, dass die Regierung Japans, des einzigen Landes, das unter dem Einsatz von Atomwaffen in Kriegszeiten gelitten hat, den TPNW unterstützt und seine moralische Verpflichtung erfüllt, die Welt in Richtung einer Denuklearisierung zu führen. Gegenwärtig ist eine neue Bewegung für Frieden und atomare Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel entstanden. Wir in den mit Atombomben bombardierten Städten beobachten diese Entwicklung aufmerksam und haben große Erwartungen, dass anhaltende diplomatische Bemühungen, wie sie mit der Panmunjom-Erklärung der Führer Nord- und Südkoreas und dem ersten Gipfeltreffen zwischen den USA und Nordkorea eingeleitet wurden, zur Verwirklichung einer irreversiblen Denuklearisierung führen werden. Ich hoffe, dass die japanische Regierung diese großartige Gelegenheit nutzen wird, um auf eine nuklearwaffenfreie Zone in Nordostasien hinzuarbeiten, in der Japan und die gesamte koreanische Halbinsel frei von Atomwaffen werden. Im vergangenen Jahr sind zwei der Atombombenüberlebenden, die viele Jahre lang die Antiatomwaffenbewegung in Nagasaki anführten, kurz nacheinander verstorben. Einer war Herr Hideo Tsuchiyama, der folgendes über die Führer von Ländern zu sagen hatte, die sich auf Atomwaffen verlassen: „Ihr Besitz von Atomwaffen oder der Versuch, solche Waffen zu besitzen, ist nichts, womit Sie sich rühmen könnten. Sie sollten vielmehr wissen, dass es etwas Beschämendes ist und das Risiko birgt, dass Sie zu Tätern von Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden.“ Der zweite dieser Bombenüberlebenden, Herr Sumiteru Taniguchi, sprach die folgenden Worte: „Menschen und Atomwaffen können nicht nebeneinander existieren. Das Leiden, das

wir durchgemacht haben ist mehr als genug. Damit die Menschen wirklich als Menschen leben können, dürfen wir nicht zulassen, dass eine einzige Atomwaffe auf der Erde verbleibt.“ Diese beiden Menschen hegten große Sorgen, dass diejenigen, die niemals Krieg oder Atombombenabwürfe erlebt haben, falsche Wege einschlagen könnten. Durch ihren Tod fühle ich erneut die Notwendigkeit, die pazifistische Botschaft, die in der Verfassung Japans enthalten ist, an die nächste Generation weiterzugeben. Es gibt viele Dinge, die jede und jeder einzelne von uns beitragen können, um eine friedliche Welt zu schaffen. Eines davon ist es, die von Atombomben getroffenen Städte zu besuchen, um etwas über die Geschichte und den Schrecken der Atomwaffen zu erfahren. Es ist auch wichtig, Berichte über die Kriegserlebnisse der Menschen in Ihren eigenen Städten zu hören. Während die Erfahrungen selbst nicht geteilt werden können, können doch Gefühle

der Wertschätzung für den Frieden von allen geteilt werden. Die Kampagne zur Sammlung von zehntausend Unterschriften zur Unterstützung der Abschaffung von Atomwaffen, ein Projekt, das seinen Ursprung in Nagasaki hatte, begann mit einem Vorschlag von Schülern. Die Ideen und Aktionen der jungen Generation haben die Kraft, neue Bewegungen zu schaffen. Es gibt auch Menschen, die weiterhin Papierkraniche falten und sie in die Städte der Atombombenabwürfe schicken. Durch den Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Traditionen vertiefen wir unser gegenseitiges Verständnis, was wiederum zu Frieden führen kann. Wir können auch durch unsere Lieblingsmusik oder Sport dem Frieden Ausdruck verleihen. Die Grundlagen des Friedens werden sicherlich in der Zivilgesellschaft gebildet. Lasst uns die Macht der Zivilgesellschaft nutzen, um auf der ganzen Welt eine Kultur des Friedens anstelle des Krieges zu verbreiten.

Sieben Jahre sind nun seit dem Unfall in einem Atomkraftwerk vergangen, der auf das große Erdbeben in Ostjapan folgte, doch die Menschen in Fukushima leiden immer noch unter den Auswirkungen der Strahlung. Nagasaki bietet weiterhin allen Menschen in Fukushima Unterstützung an, die sich beharrlich um den Wiederaufbau

bemühen. Das Durchschnittsalter der Atombombenüberlebenden liegt jetzt bei mehr als 82 Jahren. Ich bitte die Regierung Japans, ihre Bemühungen zur Unterstützung von Überlebenden zu verstärken, die immer noch unter den Nachwirkungen der Bombenabwürfe leiden, und so schnell wie möglich Hilfe für diejenigen anzubieten, die die Atombombenabwürfe erlebt, aber bisher noch keine offizielle Anerkennung erhalten haben.

Während unser tief empfundenes Mitgefühl denjenigen gilt, die durch die Atombombenabwürfe ihr Leben verloren, erklären wir, die Bürger von Nagasaki, hiermit, dass wir weiterhin unermüdlich mit Menschen auf der ganzen Welt

zusammenarbeiten werden, um dauerhaften Frieden und eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen.

Tomihisa Taue

Bürgermeister von Nagasaki

9. August 2018

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