Fukushima heute Bericht Mai 2017

Mai 2017

  Vertuschen und schönreden 

 

Der Waldbrand von Ende April

In Fukushima brennt der Busch – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes! So könnte man es nennen. Denn am 29.04.2017 brach in den Bergen der Stadt Namie, nahe dem AKW Fukushima dai ichi ein Waldbrand aus. Da das Gelände kaum zugänglich ist, gestalteten sich die Löscharbeiten äußerst schwierig. Der Brand dauerte etwa 10 Tage, da sich immer wieder neue Glutnester, die durch das reichlich herumliegende Laub und der anhaltenden Trockenheit begünstigt worden sind, entzündeten (siehe dazu auch die Meldungen in Fuku Info von Mai 2017).

Radioaktive Partikel, wie z:B. Cäsium137, die sich dort zuvor abgelagert hatten, wurden in die Luft geschleudert und mit dem Wind über viele Kilometer verteilt. Komischerweise schaffte es diese Meldung aber nicht in die Nachrichten der großen Sender zu gelangen! Wahrscheinlich liegt es daran, dass die bereits angeschlagene Atomlobby nicht noch mehr Schaden nehmen soll. Denn vor allem in Anbetracht der Olympischen Spiele 2020, der Wiederinbetriebnahme weiterer Reaktoren und der laufenden Rückführungsmaßnahmen in die immer noch verstrahlten Gebiete, die laut den Behörden aber wieder „unbedenklich“ sind, sind solche Negativmeldungen nicht erwünscht. In Folge dessen werden sogar Berichterstattungen unabhängiger Umweltorganisationen, die sehr wohl einen Anstieg radioaktiver Partikel in der Luft festgestellt haben, als „überzogene Panikmache im Netz“ dargestellt; und deutsche Nachrichtenerstatter im Netz übernehmen das auch noch!! Der Anstieg radioaktiver Partikel wurde jedenfalls nachgewiesen! So wurde am 08.05.2017 ein dreifacher Anstieg von Cäsium137 in der Ortschaft Namie gemessen. In Futaba, wozu auch das AKW Fukushima dai ichi gehört, war der Cäsiumwert sogar um das Neunfache erhöht!

Info von Greenpeace (japanisch) und der IPPNW (deutsch) zum Anstieg der Cäsiumwerte in Namie und Futaba nach dem Waldbrand, sowie weiterführende Quellen (englisch) auf der Seite der IPPNW.

 

Grenzwerte, die „tolerierbar“ sind

Die Regierung vertritt weiterhin die Ansicht, dass in der Evakuierungszone alle Gebiete, die eine Strahlung von unter 20 mSv/a aufweisen, wiederbesiedelt werden können.

Kritiker sagen jedoch, dass dies nur ein vorübergehender Grenzwert sei, der nur in der Akutphase einer radiologischen Notfallsituation Anwendung finden darf, aber kein Dauerzustand werden darf. Aber hier wird auch 6 Jahre nach der Reaktorkatastrophe der hohe Grenzwert als „zumutbar“ für einen dauerhaften Aufenthalt angesehen. Zum Vergleich: Der weltweit durchschnittliche Grenzwert liegt bei maximal 2,4 mSv/a.

Solch eine Vorgehensweise, wie es die japanische Regierung macht, ist weltweit einmalig! Unabhängige Experten und Umweltverbände können das auch absolut nicht nachvollziehen und kritisieren die Regierung wegen der unverantwortlichen Einstufung der Strahlenobergrenze und der voreiligen Aufhebung von Evakuierungsbefehlen. Die von der Regierung als tolerierbar eingestuften Grenzwerte sind viel zu hoch, so dass ein dauerhafter Aufenthalt in diesen Gebieten unverantwortlich ist. In Tschernobyl liegt die Obergrenze zumindest „nur“ bei 5 mSv/a. Der Hauptgrund für die Rückführung ist mittlerweile allseits bekannt – Der Staat braucht keine Entschädigung mehr zahlen und spart somit Geld. Der Rückkehrwille hält sich jedoch aus gutem Grunde stark in Grenzen. So wollen nach Tomioka nur 16%, Namie 17,5% und Iitate 33,5% und zwar auch fast nur ältere Leute zurück. Familien mit Kindern wollen nach Möglichkeit die Präfektur Fukushima lieber verlassen. Das hat auch die Regierung erkannt und versucht nun seit einiger Zeit schon diesem „Problem“ entgegenzuwirken.

Mobbing an Schulen

Kinder, die nach Eintritt der Reaktorkatastrophe 2011 mit ihren Eltern aus der Präfektur Fukushima geflüchtet sind, um einen Neuanfang in einer nicht radioaktiv verseuchten Umgebung zu machen, werden oft diskriminiert, ausgegrenzt und regelrecht gemobbt. Das betrifft nicht nur die Kinder in der Schule, wenn die Mitschüler deren Herkunft erfahren, sondern auch Erwachsene, die deswegen u.U. keinen Job bekommen oder anderweitig benachteiligt werden.

Während die weiterhin bestehenden Probleme, die mit dem AKW Fukushima dai ichi in Verbindung stehen, heruntergespielt oder gänzlich verschwiegen werden, wundert es einen dann doch schon, dass Mobbingfälle, die in Verbindung mit der Strahlenbelastung stehen, vor allem, wenn Schulkinder betroffen sind, in den Medien so deutlich und häufig hervorgebracht werden.

Denn schon vor der Reaktorkatastrophe gab es bereits zahlreiche Mobbingfälle an Schulen. Damals wurde so etwas aber totgeschwiegen, wie so vieles, was nicht in das harmonische Gruppenbild der japanischen Gesellschaft passt. So behauptete so mancher Schuldirektor schon, „so etwas gibt es an unserer Schule nicht“.    

Aber Mobbingfälle an Schulen, die Fukushima-Kinder betreffen, werden jetzt auf einmal in den Medien groß hervorgebracht. Nicht etwa, weil man auf dieses Problem aufmerksam machen will, sondern um die Leute, die noch in Fukushima wohnen und einen Umzug in eine „saubere“ Gegend planen, zu verunsichern, so dass sie sich es noch einmal überlegen und dann doch lieber in Fukushima bleiben. 

Denn die Regierung und die Präfekturverwaltung Fukushima ist bemüht, die Abwanderung in Grenzen zu halten. Es wird den Leuten, die die Präfektur verlassen wollen sogar schwergemacht, sich woanders niederzulassen. Ehemalige Einwohner aus der Evakuierungszone, die nach und nach wieder freigegeben wird, sollen wieder dorthin zurück. Um den Druck zu verstärken, werden Entschädigungszahlungen eingestellt. Das Wohngeld für „freiwillig“ geflüchtete wurde seit März 2017 sogar komplett gestrichen. „Der Wohnort wurde ja dekontaminiert, so dass man ja wieder zurück könnte“.

 

Der sogenannte Wiederaufbau – Der Hafen von Ukedo

Ab Ende März/Anfang April 2017 wurden weitere Teile der dekontaminierten Evakuierungszone wieder freigegeben. Die Joban-Bahnlinie wurde wiederinstandgesetzt,  Einkaufsmöglichkeiten und ärztliche Versorgung vor Ort eingerichtet und das Ganze, was man als „Wiederaufbau“ bezeichnet, natürlich medienwirksam und feierlich präsentiert. Die volle Pracht der Kirschblüten ließ das alles direkt viel harmonischer wirken und der öffentlich-rechtliche Fernsehsender NHK berichtete ausgedehnt über die gelungene „Revitalisierung“ verstrahlter Ortschaften, die jetzt nach der Flächendekontamination angeblich wieder „unbedenklich“ sind. Wie stark sich das Interesse an einer Rückkehr aber in Grenzen hält, wird darin jedoch nicht erwähnt.

Auch die „Revitalisierung“ des Fischereihafens Ukedo, 7 km nördlich vom AKW Fukushima dai ichi wurde im Februar 2017 mit viel „Tam Tam“ medienwirksam herausgebracht (siehe dazu den Artikel in Fuku Info vom 27.02.2017). So liefen 26 mit Fahnen traditionell geschmückte Boote in den Hafen von Ukedo ein, die die Rückkehr der Fischer symbolisierten und feierlich empfangen wurden. „Das ist der Neuanfang für die Fischerei in Ukedo“ – hieß es.

Die Realität sieht jedoch ganz anders aus! Anfang Mai 2017: Immer noch plattes Land, ein paar Gebäuderuinen, die nach dem Tsunami noch stehen geblieben sind, ein verwaister Friedhof, hier und dort ein abgestorbener Baum und Überreste von Straßenkreuzungen. Der Boden ist durch den Tsunami vollkommen versalzen und somit problematisch für die Pflanzen.

 

Die Zufahrtsstraßen nach Ukedo sind alle gesperrt. Egal von welcher Seite man kommt – nichts zu machen. Komisch, sollte der Ort nicht wiederbelebt werden? Es gibt jedenfalls keine Möglichkeit nach Ukedo hineinzufahren, geschweige zum Hafen zu kommen.

Das Olympische Feuer

Dass für die Olympiade 2020 ein Teil der Spiele auch in der Präfektur Fukushima ausgetragen werden sollen, ist ja bereits bekannt. Aber obwohl Fukushima bezüglich der olympischen Spiele sehr umstritten ist, bleibt die Regierung bei ihren Plänen und es wird auch schon fleißig dafür geworben. So, als sei die Welt in Fukushima wieder völlig in Ordnung.

Auf einem Plakat, das im Wartebereich vom Hisanohama Bahnhof an der Wand hängt, ist zu lesen: „9 Jahre nach der großen Katastrophe von Nordostjapan ist die Gemeinde Iwaki wieder zur Normalität zurückgekehrt und symbolisiert dies nun durch das Olympische Feuer, das von Iwaki nach Tokyo getragen wird“. 

 

„Der regelmäßige Gesundheits-Check schürt nur Angst“

Seit Ende 2016 wird den Eltern in Fukushima empfohlen, ihre Kinder nicht mehr zur Schilddrüsenuntersuchung zu schicken. „Man solle sich nicht verrückt machen lassen“. Regierungsnahe Wissenschaftler behaupten sogar, dass die hohe Anzahl von Schilddrüsenkrebs bei Kindern, 184 Fälle seit 2011, nur durch den Screening-Effekt sichtbar geworden sind, ansonsten gar nicht aufgefallen wären und somit auch keinen Zusammenhang mit der Reaktorkatastrophe hätten. Unabhängige Wissenschaftler können jedoch genau das Gegenteil belegen. Denn vor 2011 gab es in Japan so gut wie gar keine Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern! Und jetzt werden es seit 2011 ausgerechnet in der Präfektur Fukushima von Jahr zu Jahr immer mehr?? Auch in den Nachbarpräfekturen gibt es einige Fälle. Was ist das denn für ein komischer Zufall?

Die Universitätsklinik Fukushima wird von der Regierung unter Druck gesetzt und dazu angehalten, die Zahlen nach unten zu „korrigieren“ und das Ganze nicht zu sehr dramatisch aussehen zu lassen. Damit die erhobenen Daten weitgehend atomlobbyistenfreundlich bleiben, werden die Reihenuntersuchungen durch die Regierung und der IAEO finanziell „unterstützt“.

Auch wenn es im Grunde genommen klar ist, wovon die Leute seit 2011 vermehrt Krebs und andere Krankheiten bekommen, gibt es keinen eindeutigen Beleg dafür um es zu beweisen. Und genau das macht sich die Atomlobby nämlich zu nutzen!

 

Eckdaten:

Radioaktives Erdreich in Säcken in der Präfektur Fukushima:  22 Mio. m³

Schilddrüsenkrebs bei Kinder: 185 (03/2017)

Flüchtlinge gesamt: 120.000 (02/2017)

Flüchtlinge innerhalb der Präfektur Fukushima: 80.000 (02/2017)

Flüchtlinge in Containerhäuser: 81000 (02/2017)

Tote durch den Tsunami: 15.893 (03/2017)  

Vermisste seit dem Tsunami: 2554 (03/2017)

 

Ein Bericht vom 04.05.2017 (Greenpeace)

Waldbrände in Fukushima: Interview mit Shaun Burnie, Experte für Atomenergie

„HOCHGRADIG FAHRLÄSSIG“ Ein Artikel von Greepeace