Fukushima heute Berichte 2014

 

Oktober 2014

Fukushima und die Folgen der Kernenergie – Leben in einer verstrahlten Region

In Anbetracht all der Gefahren und Folgen der Kernenergie und der Tatsache, dass Japan bereits seit über einem Jahr frei von Atomstrom ist und die Stromversorgung darunter absolut nicht gelitten hat, ist es um so unverständlicher, das die Regierung weiterhin auf Atomkurs bleibt und das AKW Sendai, Präfektur Kagushima möglicherweise Anfang 2015 wieder ans Netz gehen darf.

Als noch alle 54 Reaktoren liefen, wurde Strom im Überschuss produziert. Der überschüssige Strom wurden dann in Form von Wärmeenergie ins Meer abgegeben. Dieses führte zu einer ständigen Erwärmung der Küstengewässer, was eine negative Auswirkung auf die Meeresvegetation mit sich brachte.

Die ganzen Auswirkungen nach der Reaktorkatastrophe, wie zum Beispiel die kontinuierliche radioaktive Verseuchung des Meeres, die gesundheitlichen Folgeschäden und die Verseuchung der Nahrung ist im vollen Gange und das Ausmaß noch nicht absehbar.

 

Verwildertes Grundstück in Tatsuta. die Leute sind nach der Reaktorkatastrophe geflüchtet (Bild: Petra Alt).

Zahllose Leute müssen in den radioaktiv verseuchten Gebieten leben und die Regierung versucht die Reaktorkatastrophe und dessen Folgen unter den Teppich zu kehren, was mit Hilfe des Geheimhaltungsgesetzes, was im Februar 2014 beschlossen worden ist, auch noch vereinfacht wird.

 

Rückführung in radioaktiv verseuchte Gebiete  

Die S-Bahn der JR-Joban-Linie fährt seit dem Sommer 2014 wieder bis Tatsuta, einem Ort, der tief in der 20-km-Sperrzone liegt. Die Sperrzone wurde jedoch im Mai 2013 in das sogenannte Dreizonenmodell aufgeweicht und zum Teil als radiologisch unbedenklich deklariert. Seit dem sind Aufenthalte, bzw. das dauerhafte Wohnen in den jeweiligen Gebieten wieder erlaubt.

Der radioaktiv verseuchte Ort Tatsuta wurde nach einer Dekontamination der Bodenflächen im Sommer 2014 wieder frei gegeben und somit als wieder bewohnbar deklariert. Dort liegt die Umweltradioaktivität unter 20 mSv/a und liegt somit unterhalb der gesetzlich festgelegten Obergrenze. Grenzwerte, die gesundheitlich unbedenklich sind, lassen sich allerdings nicht per Gesetz fest legen. Dass heißt: „20mSv/a ist entschieden zu hoch und in jedem Fall gesundheitsschädlich!“ Das ist etwa 20 X höher als die „normale“ Obergrenze.

In Tatsuta wohnen tatsächlich wieder ein paar Leute. Die Wirkung der Dekontaminationsversuche vor allen auf längerer Sicht betrachtet, ist eher fraglich, da sich laufend wieder neue radioaktive Partikel ansammeln. Diese werden mit dem Regen und dem Wind heran getragen. Mit den Dekontaminationsmaßnahmen kann die Strahlung zwar um 30 bis 70% gesenkt werden, was jedoch nicht lange vorhält. Sie steigt nach und nach wieder an und hat nach spätestens drei Monaten wieder ihren Ursprungswert erreicht.

Die Lokführer, die die Bahnstrecke Iwaki-Tatsuta bedienen müssen, sind mit einem Dosimeter ausgerüstet. Einige Lokführer haben am Iwaki Hauptbahnhof sogar da gegen protestiert, als sie hörten, dass die Strecke wieder frei gegeben werden soll und sie diese mehrmals täglich abfahren sollen. Denn mit jedem Bahnhof steigt die Strahlung an. Das heißt, in der Stadt Iwaki, die etwa 40 km südlich vom AKW Fukushima dai ichi entfernt ist, liegt die Strahlung noch bei etwa 0,14 µSv/h (Messung am Bahnhof). Hisanohama Bf, 29 km, 0,16 µSv/h, Kido Bf, 16 km, 0,21 µS/h und Tatsuta Bf, 14 km, ebenfalls 0,21 µS/h. Diese Werte wurden in der Bahn erhoben, als diese an den jeweiligen Bahnhöfen gehalten hat. Im Freien, wie sich z.B. in Tatsuta zeigte, sind die Werte deutlich höher. 

 

Die vorübergehende Endhaltestelle Bahnhof Tatsuta im 20-km-Umkreis zum AKW Fukushima dai ichi ( Bild: Petra Alt).

 

Tatsuta liegt nur etwa 14 km vom havarierten AKW Fukushima dai ichi entfernt und soll wieder ganz normal besiedelt werden. Die radioaktive Strahlung liegt im Durchschnitt zwischen 0,4 und 0,6 µSv/h. Stellenweise ist sie sogar höher.

Die Regierung befindet jedoch, dass eine Strahlenbelastung bis zu 20 mSv/a zumutbar sei und treibt die Rückführung der ehemaligen Anwohner voran. Hier liegt der Verdacht nahe, dass hier bei am ehesten die Kostenfrage im Vordergrund steht. Denn wer in sein verlassenes Haus zurückkehren kann (soll), hat keinen Anspruch mehr auf eine Entschädigungszahlung.

Im Bahnhof von Tatsuta, der seit dem Sommer 2014 wieder in Betrieb ist, ist der Übergang zum gegenüber liegenden Gleis abgesperrt, da die S-Bahn hier endet. Der nächst Halt wäre schon Tomioka, der Ort, zu dem auch das AKW Fukushima dai ni gehört.

Im Bahnhofshäuschen hängt oben über dem Fahrkartenschalter das Display einer fest installierten Strahlenmesssonde  und zeigt einen Wert von 0,24 µS/h an. Dieser beträgt jedoch nur die Hälfte des realen Strahlenwerts.

Auf den Bahnhofsvorplatz befindet sich ebenfalls eine feststehende Strahlenmesssonde. Das Umfeld der Sonde ist sorgfältig dekontaminiert und der Boden betoniert, so dass der Wert (0,228 µs/h) tatsächlich mit den eigenen Messwerten (0,27 µS/h) in etwa überein stimmt.

Rechts neben der Messsonde steht eine große Tafel, auf der „Herzlich willkommen in Naraha“ steht und die „Sehenswürdigkeiten“ im Ort illustratorisch dar gestellt werden. (Der Ort Tatsuta ist ein Teil des Bezirks Naraha in der Präfektur Fukushima).

      

Bild links (Aus der Zeitung): Die Skizze zeigt das Dreizonenmodell, was im Mai 2013 von der Regierung eingeführt worden ist. Die grünen Gebiete weisen eine Strahlung von unter 20 mSv/a auf und können somit laut den Behörden wieder bewohnt werden. In den gelborangen Gebieten liegt die Strahlung zwischen 20 und 50 mSv/a. Hier sind tägliche Kurzaufenthalte erlaubt. Die roten Gebiete bleiben weiterhin Sperrzone. Bild rechts (Petra Alt): Der Bahnhofsvorplatz vom Bahnhof Tatsuta mit fest installierter Strahlenmesssonde und der Infotafel mit der Aufschrift: ,,Herzlich willkommen in Naraha" mit den Infos zu den Sehenswürdigkeiten.

 

Um Bahnhof herum ist alles verwildert. Überall wuchert das Unkraut. Auch die Gehwege sind zum Teil zu gewuchert.

Die beiden Läden, die sich schräg gegenüber vom Bahnhofsvorplatz auf der anderen Straßenseite befinden, sind seit Beginn der Reaktorkatastrophe geschlossen. Vor einem der beiden Läden steht eine Kühltruhe, die mittlerweile schon völlig durchgerostet ist.

Eine solche Kühltruhe, in der Eis oder Getränke zum Verkauf angeboten werden, findet man in Japan sehr oft vor kleineren Lebensmittelläden. Größere Läden haben diese im Innenbereich stehen. Vor dem zweiten Laden steht ein Getränkeautomat, der mit Absperrband abgesperrt worden ist, was mittlerweile auf dem Boden herum flattert. Der Geldschlitz ist zu geklebt.

 

Zwei kleine Läden, die seit der Reaktorkatastrophe geschlossen sind (Bild: Petra Alt). 

 

Ein Getränkeautomat, der nicht mehr betriebsbereit ist. (Beide Bild: Petra Alt).

Ein paar Meter weiter stehen leere Getränkekästen und Flaschen, die zum abholen an den Straßenrand gestellt worden sind. Auf den Kästen haftet nun der Dreck und Staub und das Unkraut ist schon hindurch gewachsen. Der Betonboden der angrenzenden Grundstückseinfahrt hat lauter Risse bekommen, aus denen das Unkraut sprießt. Der Eingangsbereich zum Haus ist völlig zu gewuchert, so dass man die Haustür fast nicht mehr sieht. Die Strahlung liegt hier bei etwa 0,40 µSv/h im Durchschnitt.

Getränkekästen, durch denen das Unkraut wuchert (Bild: Petra Alt).

Verwilderte Gehwege und Gärten in Tatsuta (Bild: Petra Alt).

An der Straße, die in Richtung Küste führt, sind Reisfelder, die tatsächlich wieder bestellt worden sind. Hier liegt die Strahlung bei 0,4 bis 0,5 µS/h. Weiter hinten steht ein einzelnes Haus an der Straßenecke, was bewohnt ist. Das ist daran zu erkennen, dass das Grundstück gepflegt wirkt und sogar ein Auto vor der Tür steht. Am Straßenrand steht ein älterer Mann, der dann kurz darauf im Haus verschwindet.

  

Felder, auf den trotz hoher Strahlung wieder Reis angebaut wird (Bild: Petra Alt).

 

Bewohntes Haus in Tatsuta, trotz hoher Strahlung (Bild: Petra Alt).

 

Nahe der Küste, an einem kleinen Fluss befindet sich eine Firma, die sich mit der Dekontamination der Bodenflächen und der Lagerung des radioaktiven Drecks und Erdreich befasst. Auf dem Gelände lagern unter einer Plane zahllose Säcke mit radioaktivem Abfall.

Lagerplatz für radioaktives Erdreich, Laub und Dreck nahe der Küste in Tatsuta. Die Radioaktivität liegt hier bei 0,58 µS/h (Bd. Bilder: Petra Alt).

 

Am Flussufer stehen auch ein paar Säcke, die da eigentlich nichts zu suchen haben. Im Fluss liegen auch Säcke, die durch die Strömung schon halb ausgespült worden sind. Diese wurden schlicht weg illegal entsorgt. Über solche Zustände, die in der Vergangenheit schon häufiger aufgetreten sind, wurde in den Nachrichten schon mehrfach berichtet. Die radioaktive Strahlung liegt hier zwischen 0,46 und 0,51 µSv/h im Durchschnitt.

 

Säcke mit radioaktiven Abfall liegen im Fluss nahe der Mündungsstelle zum Meer (Bild: Petra Alt).

 

Ein Vordringen zur Meeresküste ist nicht möglich, da der Weg, eher ein Trampelpfad,  immer mehr zu gewuchert und somit nicht mehr, ohne mit dem Gestrüpp in Berührung zu kommen, begehbar ist.

An den Bäumen hängen reife Kakis, die appetitlich aussehen, aber zum Verzehr nicht mehr geeignet sind. Ein weiterer Baum weist lauter schwarze Flecken auf. Vermutlich die Blattfleckkrankheit, eine Pilzerkrankung. Wahrscheinlich ist der Baum aufgrund der hohen Strahlung immungeschwächt und somit anfälliger für Krankheiten geworden. Ein Straßenschild, was dort steht, ist völlig verrostet und kaum noch lesbar.

Oben: Kakibaum. Unten: Baum mit Blattfleckkrankheit, ein Pilzbefall. (Bd. Bilder: Petra Alt).

 

Tatsuta, ein sterbender Ort, der nach Wünschen der Regierung wiederbelebt werden soll. Denn da, wo Normalität herrscht, lässt sich eine Atomkatastrophe besser unter den Teppich kehren.  

 

Videos zu Tatsuta, Präfektur Fukushima

In den drei nachfolgenden Videos sind Ausschnitte aus dem verstrahlten Ort Tatsuta.

Video 1) Säcke mit radioaktivem Erdreich, Laub und Dreck, die bei der Firma Tanaka Ide unter einer Plastikplane lagern. 

Achtung, Sprechfehler bei 0,11: Fehler:  ,, . . . 8 km vom havariertem AKW Fukushima dai ichi entfernt". Korrekt: ,,. . . 12 km vom havariertem AKW Fukushima dai ichi entfernt".

Video 2) Säcke mit radioaktivem Erdreich, Laub und Dreck, die einfach am Fluss abgestellt worden sind. Einige davon liegen im Fluss und wurden schon ausgespült.

Video 3) Überall wuchert das Unkraut in der verstrahlten Ortschaft Tatsuta.

 

Verstrahlte Orte, die nie evakuiert worden sind

Auch in Matsukawa, Bezirk Nihonmatsu in der Präfektur Fukushima, was nicht in der Sperrzone ist, sind die Strahlenwerte sehr hoch. Der Ort ist ganz normal bewohnt und überall sind gerade die Früchte reif. Die Kakibäume hängen voll mit dicken Kakis, die man aber lieber nicht essen sollte.

In einem Gemüsegarten, der an der Straße grenzt, sind gerade die Auberginen reif. Die radioaktive Strahlung liegt hier bei 0,4 bis 0,6 µS/h im Schnitt. Etwas weiter einer der zahlreichen Kakibäume, dessen Früchte ebenfalls reif sind. Vor dem Verzehr dieser Früchte ist jedoch dringend abzuraten. Ob sich die Anwohner daran halten, ist jedoch fraglich. Die Früchte werden stichprobenartig auf Radioaktivität überprüft und bei einer Strahlenbelastung bis 100 Bq/kg zum Verzehr frei gegeben.

Ein Gemüsegarten in Matsukawa, Nihonmatsu mit reifen Auberginen (Bild: Petra Alt)

 

Einer der zahlreichen Kakibäume mit dicken und lecker aussehenden Früchten, von dessen Verzehr jedoch abzuraten ist (Bild: Petra Alt).. 

                     

                  Die Strahlung dort liegt bei 0,68 µS/h (Bild: Petra Alt).

 

Auch in den Schulen bekommen die Kinder Lebensmittel aus der Region vorgesetzt, und wehe jemand sagt etwas. Die Lehrer bekommen Druck von der Schuldirektion und müssen diesen an die Schüler und dessen Eltern weiter geben. Wenn Kinder eigene Essenssachen mitbringen, werden diese „schief angeschaut“, wenn nicht sogar regelrecht getadelt. Die Kinder werden sogar gegeneinander aufgehetzt. Es darf nicht darüber gesprochen werden, über diese unsichtbare Gefahr.

Das Thema „Radioaktivität und dessen Gefahren“ darf in den Schulen nicht angesprochen werden. Größere Kinder und Jugendliche informieren sich jedoch im Internet über die Gefahren der hohen Radioaktivität, der sie Tag täglich ausgesetzt sind. Sie können sich somit zu mindest eine objektive Meinung bilden.  

Die Schulleitung, bzw. weitere öffentliche Einrichtungen bekommen den Druck von den lokalen Behörden, die die Wünsche der Regierung, die den Ruf der Atomlobby retten will, umzusetzen hat.

Der ländliche Ort Matsukawa, Bezirk Nihonmatsu wirkt ruhig und friedlich. Drum herum ein paar Reisfelder.  

Aus einem Haus ertönt das „Knatschen“ eines kleinen Kindes. Das wäre ja alles ganz normal und nicht so schlimm, wenn die Strahlung (0,45 µSv/h im Schnitt) nicht so hoch wäre. Das zeigt wieder einmal, dass es für die Regierung völlig o.k. ist, dass auch kleinere Kinder einer solch hohen Strahlung ausgesetzt sind. Die Eltern haben wahrscheinlich keine andere Möglichkeit und müssen mit ihren Kindern dort verbleiben.

An einer Nebenstraße grenzt ein mit Grass bewachsenes Feld, was provisorisch abgesperrt und durch ein paar Schilder als gefährlich gekennzeichnet ist. Auf dem Feld ist ein rechteckiger Tümpel, dessen Wasser stark verstrahlt ist. Ein Teil des Feldes ist mit einer blauen Plastikplane, unter der etwas liegt, abgedeckt. Parallel zum Straßenrand eine lange Pfütze. Rechts neben dem Feld ist ein Parkplatz, auf dem ein Auto steht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind Häuser, in denen die Leute „ganz normal“ wohnen.

Abgesperrter Hotspot an einer Wohnstraße. Auf dem Schild der Hinweis: ,,Wegen Gefahr nicht betreten!" Aber keine explizite Warnung wegen der hohen Radioaktivität (Bd. Bilder: Petra Alt).

 

Hier und dort im Ort findet man Säcke, die mit einer Plane abgedeckt sind. Hier ist radioaktiver Dreck, Erdreich, Laub o.ä. zwischengelagert (Bd. Bilder: Petra Alt).

Weiter hinten stehen zwei ältere Damen an der Straße und unterhalten sich. Wie mögen diese mit der jetzigen Situation zu Recht kommen? Viele Ältere haben sich, in Anbetracht auf ihre verbleibenden Lebenserwartung, mit der Situation irgendwie arrangiert. Aber was ist mit den Kindern, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben?… oder auch nicht… Denn bei schon knapp 100 Kindern wurde ein Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Und das ist nur eine der vielen Folgeerkrankungen. 

 

  

Bahnhof Matsukawa, hohe Strahlung am Bahnsteig. Großes Schild: ,,Unbedenklicher und leckerer Reis aus der Region Matsukawa (Bd. Bilder: Petra Alt).

 

Am Bahnhof von Matsukawa, auf einem angrenzenden Grundstück, vermutlich ein landwirtschaftlicher Betrieb, steht eine Tafel mit der Aufschrift, dass der in Matsukawa angebaute Reis unbedenklich und auch lecker sei. Das ist auch eine Art der Gehirnwäsche.

Die Strahlung liegt hier bei 0,42 bis 0,55 µS/h im Durchschnitt.

Auch für Matsukawa, sowie für viele weitere Orte, die radioaktiv verseucht sind, ist die Zukunft ungewiss. Gewiss ist nur, dass die Regierung stets bemüht ist, die Reaktorkatastrophe und dessen Folgen zu verschleiern. 

 

Videos:

1) Matsukawa bei Nihonmatsu, Präfektur Fukushima, einer der Orte, die nach der Reaktorkatastrophe eine hohe Strahlung aufweisen, jedoch nie evakuiert worden sind.

2) Matsukawa, ein Kakibaum voller Früchte, der jedoch lieber nicht abgeerntet werden sollte. . .

 

Februar 2014

Die gegenwärtige Situation in der Präfektur Fukushima

Es hat sich nichts geändert. Die Leute müssen weiterhin in einer verstrahlten Umgebung verbleiben. Entschädigungszahlungen bleiben zum Großteil aus und in einigen Fällen hat der Stromkonzern Tepco, der das AKW Fukushima dai ichi zu verantworten hat sogar versucht, unter fadenscheinigen Begründungen bereits ausgezahlte Entschädigungszahlungen wieder zurück zu fordern.

Die Regierung unter Shinzo Abe (LDP) arbeitet sehr stark daran, dass die Folgen der Reaktorkatastrophe und die daraus resultierenden Probleme in den Hintergrund gedrängt und nach Möglichkeit nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Auch „Dank“ dem neuen Geheimhaltungsgesetz, was zum Jahreswechsel im Eiltempo durch das Parlament geboxt worden ist, tut sein übriges. Das neue Geheimhaltungsgesetz schränkt die Pressefreiheit stark ein und droht den zu kritisch (zu wahrheitsgemäß) berichtende Journalisten sogar mit Haftstrafen.

Beim öffentlich rechtlichen Fernsehsender NHK wurden bereits Journalisten wegen ihrer kritischen Berichterstattung abgemahnt.

Auch in einigen Buchhandlungen findet man keine Bücher mehr, die mit der Reaktorkatastrophe und dessen Folgen in Verbindung stehen. Zumindest auf den ersten Blick nicht. Vor einem halben Jahr war das noch ganz anders. Da sprangen einem diese Bücher schon fast ins Gesicht, wenn man die Buchhandlung betrat.

Die Folgen der erhöhten Radioaktivität lassen sich jedoch nicht weg diskutieren. Das verschwindet auch durch tot schweigen nicht.

 

Schilddrüsenkrebs bei Kindern

Die Anzahl der Kinder in der Präfektur Fukushima, die an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind steigt weiter. Nach Informationen der IPPNW worden seit Beginn der Reaktorkatastrophe von 2011 schon bei 33 Kindern ein Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Und bei weiteren 75 Kindern besteht ein dringender Verdacht (02/2014).

Auch viele weitere gesundheitliche Probleme in der Präfektur Fukushima sind seit dem deutlich angestiegen.

Die Regierung, die mit aller Kraft Normalität walten lassen will, hat es tatsächlich im September 2013 geschafft, den Zuschlag für die Olympia 2020 zu bekommen. Natürlich musste das IOC erst einmal (mit einer Spende für ein afrikanisches Projekt) „überzeugt“ werden, wie geeignet Tokyo doch ist usw … und jetzt sollen die Sportler auch noch in der Nähe der Atomruine Fukushima dai ichi trainieren.

Das sind alles junge Leute, die vielleicht noch eine Kinderplanung beabsichtigen.

Das J-Village, ein großes Sportzentrum, wo auch die japanische Fußballnationalmannschaft trainierte, liegt am Rande der 20 km Sperrzone von AKW Fukushima dai ichi direkt neben dem Gaskraftwerk. Nach der Reaktorkatastrophe wurde es zur zentralen Koordinationsstelle für das havarierte AKW umgewandelt. Hier erhielten die Arbeiter ihre Schutzkleidung, bevor es dann mit dem Bus weiter zum AKW ging.

Jetzt nach dem die Zentrale verlegt worden ist, soll das J-Village dekontaminiert werden und wieder als Sportstätte, also auch für die Sportler der Olympia 2020 genutzt werden.

Während die Regierung und der Stromkonzern Tepco, der die Sportanlage gesponsert hat da völlig schmerzfrei sind, warnen unabhängige Experten und halten es für sehr bedenklich dort zu trainieren, da es sich um ein leicht- bis mittelgradig verstrahltes Gebiet handelt.

Auch antiatom-fuku ist der Sache einmal nach gegangen und war vor Ort.

 

Am Rande der Sperrzone

Ein Bericht von Petra Alt

Die Joban-Linie, eine Bahnstrecke, die von Tokyo-Ueno in Richtung Norden entlang der Küste über Mito, Iwaki bis nach Sendai führt, ist seit der Dreifachkatastrophe von März 2011 an zwei Stellen unterbrochen. In den Streckenabschnitten, die durch den Tsunami zerstört worden sind, fahren jetzt Busse als Schienenersatzverkehr. Ein weiterer Streckenabschnitt musste jedoch gesperrt werden, da er direkt am AKW Fukushima dai ichi vorbei führt und sich somit in der Sperrzone befindet.

Fahrkartenautomat mit Preisliste und Streckennetz der JR Joban-Linie am Iwaki Hauptbahnhof. Der Streckenabschnitt, der durch die jetzige Sperrzone führt wurde mit einem entsprechenden Hinweis überklebt (Bild: Petra Alt).

 

Zu erst fuhr ich mit dem „Super Hitachi“, einen Schnellzug der Joban-Linie von Tokyo-Ueno bis Iwaki. Früher fuhr der natürlich bis Sendai. Heute endet der in Iwaki. Weiter ging es dann mit der normalen S-Bahn, die dann in Hirono endet. Der nächste S-Bahnhof „Kido“ liegt schon in der Sperrzone und wird somit nicht mehr angefahren. Also ging es ab Hirono nur noch zu Fuß weiter.

Bahnhof Hirono. Der nächste Bahnhof Kido liegt schon in der Sperrzone Bild: Petra Alt).

Laufende Dekontaminationsarbeiten am Bahndamm und davor. Das komplette radioaktiv verseuchte ,,Gestrüpp" und die Bäume wurden dort entfernt (Bild: Petra Alt)

 

Ich marschierte los, die Straße entlang in Richtung J-Village, was direkt am Randeder Sperrzone liegt. Etwa 200 Meter vor dem J-Village liegt das Gaskraftwerk der Firma Tepco. Und dann kommen, nach ein paar Kilometern auch schon die beiden Atomkraftwerke; erst das AKW Fukushima dai ni und dann das havarierte AKW Fukushima dai ichi.

Das J-Village wurde damals von Tepco gesponsert, um die Bevölkerung milde zu stimmen. Dadurch fanden auch die beiden Kernkraftwerke eine gute Akzeptanz bei den Anwohnern und Tepco galt als gütiger Wirtschaftsmotor in der Region.

Die Straße, eine Hauptstraße führt durch bewohntes Gebiet. Eine fest installierte Messsonde am Straßenrand zeigt einen Wert von 0,20 µSv/h. Mein Gerät allerdings zeigt mir einen Wert von 0,42 µSv/h an. Das wundert mich nicht. Denn es ist bekannt, dass die festen Sonden vorsätzlich falsch kalibriert sind und somit zu niedrige Werte anzeigen.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite ist ein Plakat einer kleinen politischen Partei, die sich gegen Atomkraft stark macht. Ich denke nur: „Das ist vollkommen verständlich“.

Wohngebiet (Hirono) mit erhöhter radioaktiven Strahlung am Rande der Sperrzone. 

Plakate einer politischen Antiatompartei aus der Region (Bilder: Petra Alt).

 

Weiter geht’s bis an einer Straßenkreuzung nahe dem Gaskraftwerk, was übrigens auch der Firma Tepco gehört. Dort gab es während der Tsunamikatastrophe auch einen Störfall, der allerdings problemlos behoben werden konnte, was man von dem etwa 20 km entfernten AKW Fukushima dai ichi ja nicht gerade behaupten kann.

Ich wünschte mir, man könnte das havarierte AKW auch in ein Gaskraftwerk verwandeln, dann wäre alles gut.

Ich biege an der Kreuzung rechts ab, gehe auf das Gaskraftwerk zu. Rechts neben der Straße, weiter hinten sehe ich große schwarze Säcke nebeneinander gereiht. Ich wusste sofort was das ist. Das ist radioaktiv verseuchtes Laub, Erdreich und Dreck, was im Rahmen der Dekontaminationsversuche abgesammelt worden ist.

Die gesamte Fläche bis zum Straßenrand ist mit dicken Metallplatten abgedeckt. Darunter befinden sich zahllose weitere schwarze Säcke mit radioaktivem Inhalt. Ich messe hier 0,36 µS/h (vom Straßenrand aus, etwa ein bis zwei Meter Abstand von den Säcken).

Hier handelt es sich um ein Zwischenlager für radioaktive Abfälle. Nicht weit von hier sind bewohnte Häuser.

 

Zahllose große Säcke mit radioaktiv verseuchtem Erdreich, Laub und Dreck in der Nähe von Wohnhäusern (Bild: Petra Alt)

 

Am Gaskraftwerk, in einem Trampelpfad, der am Zaun entlang führt, messe ich 0,65 µSv/h.

Nicht weit von hier ist das J-Village, wo bald wieder Sportler trainieren sollen . . . „Das ist echt nicht zu fassen"!!

Oben: Messung der Radioaktivität am Zaun vom Gaskraftwerk nahe dem Sportzentrum „J-Village". Unten: Olympische Ringe (Bilder: Petra Alt)

 

In Fukushima-City - Trotz Schnee hohe Radioaktivitätswerte

Eine Woche Später habe ich Koriyama und Fukushima-City besucht. In beiden Städten liegt Schnee (20 bis 40 cm). Schnee vermindert die Umgebungsradioaktivität, da der Boden durch den Schnee  „abgeschirmt“ wird.

Somit sind die Werte im Moment nicht so repräsentativ und steigen auch sofort wieder an, sobald der Schnee weg ist.

Die fest installierten Messsonden zeigen weiterhin falsch niedrige, also nur etwa die Hälfte der realen Werte an. Daran hat sich nichts geändert. Und dann kommt noch, wie gesagt der Schnee hinzu, der die Werte drückt, da einerseits die „normale“ terrestrische Strahlung abgeschirmt wird und die radioaktiven Partikel im Boden (vom Fallout) „isoliert“ werden.

Meine Tour beginnt am Fukushima Hauptbahnhof. Wie auch in Tokyo und sonst überall sind die Wege nur unzureichend geräumt, nicht gestreut und die Treppen zum Teil vereist, so dass man sich leicht „auf den Hintern setzen“ kann.

Das ist aber nur das kleinere Übel. Fukushima hat nämlich ganz andere Probleme. Denn auch wenn man es nicht sieht, die Stadt belebt wirkt, alles ganz normal erscheint, ist sie weiterhin da und wird auch so schnell nicht verschwinden . . .

. . . und genau das ist ja das tückische und gefährliche an der Radioaktivität.

Weiter geht es auf den im Schnee  „vorgefertigten“ Trampelpfaden auf den Gehwegen entlang der Hauptstraße, dann in die Nebenstraßen. Den laufenden Geigerzähler trage ich in der Jackentasche, so dass ich jederzeit drauf schauen kann.

An einer Grundschule messe ich die Radioaktivität und habe einen Wert von 0,30 µSv/h. Die fest installierte Messsonde auf dem Schulhof zeigt jedoch nur 0,10 µS/h, der noch „normal“ wäre, wenn er doch repräsentativ, bzw. korrekt gemessen wäre.

Eine weitere Schule mit erhöhter Radioaktivität (Bild: Petra Alt).

 

Ich gehe, vorsichtig durch den Schnee stapfend weiter zum nahe gelegenen Fluss „Abukuma“. Dort messe ich Werte, die zwischen 0,24 und 0,44 µSv/h liegen. Hier am Flussufer sind reichlich schöne Plätzchen, die im Sommer sicherlich sehr gut frequentiert sind.

Links: Grundschule mit erhöhter Radioaktivität. Rechts: Der Fluss Abukuma (Bilder: Petra Alt).

Als ich die Bücke überquere, sehe ich am gegenüberliegenden Ufer zwei Bagger und lauter große helle Säcke, die fein säuberlich nebeneinander gereiht sind. Diese Säcke sind zum Teil vom Schnee bedeckt. Hier handelt es sich eindeutig um ein Zwischenlager für radioaktive Abfälle, die bei den so genannten Dekontaminationsarbeiten angefallen sind.

Verdächtige Säcke nebeneinander gereiht (vor dem roten Bagger) am Ufer (Bild: Petra Alt).

 

In einer Wohnstraße entdecke ich auf einem Parkplatz zwischen zwei Häusern etwas, was mit einer blauen Plane abgedeckt ist. Meiner Vermutung nach, könnte das radioaktiv verseuchtes Erdreich, Laub etc. sein, was ebenfalls bei Dekontaminationsarbeiten angefallen und dort zwischengeparkt worden ist. Die Strahlung in etwa 6 Metern Abstand der Plane liegt bei 0,24 µS/h.

Ich hatte schon vorher davon gehört, dass radioaktiv verseuchtes Laub, Erdreich etc. auch in bewohnten Gebieten nahe den Häusern deponiert wird.

An der Kindertagesstätte „Komu Komu Center“ direkt am Hauptbahnhof steht halb im Schnee versunken eine fest installierte Messsonde, die einen Wert von 0,132 µS/h anzeigt. Ich messe jedoch 0,28 µS/h, mehr als das Doppelte.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stieg der Wert sogar auf 0,50 µSv/h an. Wenn man bedenkt, das hier ständig Kinder herum laufen . . .

Am Hauptbahnhof sehe ich ein kleines Kind auf einen hohen Schneehaufen herum turnen. Die Mutter steht daneben und schaut zu. Das Kind ahnt wahrscheinlich noch nicht, in welch einer gefährlichen Umgebung es lebt.

Im Bahnhofsgebäude liegen die Radioaktivitätswerte im Durchschnitt bei 0,12 µS/h.

Die Messsonde am Hauptbahnhof Ausgang West zeigt auch einen nach unten abweichenden Wert von 0,122 µS/h an. Mein Gerät zeit mir jedoch 0,28 µS/h an.

An einer weiterführenden Schule liegt der Wert bei 0,28 µS/h, während die im Schnee halb versunkene feststehende Messsonde, die sich auf dem Schulhof befindet nur 0,122 µS/h anzeigt.

Zum Schluss besuche ich den Fukushima Inari Schrein nähe Hauptbahnhof und bitte den „o kami sama“ um Schadensbegrenzung für Fukushima und Japan und das er die Kinder in Fukushima schützen möge.

Während ich meine „Wunschtafel“ beschrifte, fing es dann in meiner Jackentasche an zu piepsen. Ich schaue nach und der Geigerzähler zeigt mir einen Wert von 0,52 µSv/h. Das ist das acht- bis zehnfache von dem, was man als  „normal“ bezeichnen würde.

   

Messung am Inari Schrein in Fukushima City. Hohe Radioaktivität, 0,52 µSv/h an den Wunschtafeln (Bilder: Petra Alt).

All diese Radioaktivitätswerte wären ohne Schnee zum Teil sogar noch viel höher!

 

Ausblick

Man kann es nicht weg diskutieren. Fukushima-City ist „leichtgradig“ verstrahlt, also evakuierungspflichtig, da ein längerer Aufenthalt (dort wohnen) gesundheitlich nicht mehr zu verantworten ist! Das gleiche gilt auch für Koriyama, wo ich ähnlich hohe Werte gemessen habe.

Auch die Orte Hirono, nahe der Sperrzone, sowie weitere Orte gelten als sehr bedenklich.