Bild: Das Mahnmal von Futaba (Präfektur Fukushima)

Fukushima heute Berichte 2015

 

September 2015

Auf dieser Seite:

- Die N6, eine Schnellstraße durch radioaktiv verseuchte Gebiete (Einleitung)

- Auf der Schnellstraße durch radioaktiv verseuchte Gebiete und der Besuch bei Naoto Matsumura, der letzte Einwohner von Tomioka (Petra Alt)

- Kleine Reise in die Nähe des Wahnsinns ... (Jürgen Oberbäumer)

- Buch Tipp „Fukushima im Schatten“

- Kurzvideos aus der Sperrzone

 

Die N6, eine Schnellstraße durch radioaktiv verseuchte Gebiete

Seit der Reaktorkatastrophe von März 2011 ist in der Präfektur Fukushima, auch wenn die Regierung krampfhaft versucht Normalität walten zu lassen, nichts mehr so, wie es mal war. Fukushima ist weiterhin gefährlich, über 75% der Landfläche ist radioaktiv verseucht und die dort lebende Bevölkerung wird wissentlich einer gesundheitlichen Gefahr ausgesetzt.

Entschädigungszahlungen sollen 2017 sogar komplett eingestellt werden.

Stattdessen sollen die aus der Sperrzone evakuierten Flüchtlinge wieder zurück in ihre ehemalige Heimat geführt werden, die nach einer Flächendekontamination, nach und nach wieder freigegeben wird. Für die Betroffenen Einwohner bedeutet das nicht nur in einer verstrahlten Umgebung leben zu müssen, sondern auch keine weiteren Entschädigungszahlungen mehr zu erhalten. Denn wer zurück in sein Haus kann (soll), hat nach dem Gesetz auch keinen Anspruch mehr auf die monatliche Entschädigungszahlung.

Vielerorts laufen Dekontaminationsarbeiten, bei denen u.a. auch die oberste Erdschicht abgetragen wird. Das abgetragene Erdreich, Laub und Dreck wird dann in große Säcke verpackt und überall in der Präfektur Fukushima in den zahllosen Zwischenlagern deponiert. 

Einige Ortschaften, wie z.B. Naraha, wozu auch Tatsuta gehört, 14 km vom AKW Fukushima dai ichi, sowie weitere kraftwerksnahe Ortschaften wurden bereits wieder freigegeben. Allerdings wollen nur etwa 10% der Geflüchteten dorthin wieder zurück; zumal auch bekannt ist, dass die Wirkung der Flächendekontamination so wie so nicht lange vorhält und die Strahlung nach ein paar Monaten wieder ansteigt.

Flächendekontamination, Säcke mit radioaktiven Erdreich, Laub und Dreck (Bild: Petra Alt)

Auch die Schnellstraße Nummer 6 (N6), die von Iwamura (Norden), über Soma, Minamisoma, Namie, Futaba, AKW Fukushima dai ichi, Tomioka, AKW Fukushima dai ni, Tatsuta, Sportanlage J-Village, Hirono, Yotsukura, weiter bis Iwaki und dann über Mito weiter Richtung Süden führt, wurde im Bereich der 20-km-Sperrzone im September 2014 wieder freigegeben.

Die Schnellstraße N6 galt stets als sehr wichtige Verkehrsverbindung für die küstennahen Ortschaften, den Städten Iwaki und der nördlich gelegenen Großstadt Sendai, Präfektur Miyagi (nicht zu verwechseln mit Sendai, Präfektur Kagoshima in Südjapan).  

Allerdings führt die N6 nun mitten durch die radioaktive „Schmauchspur“ (Straßenabschnitt Namie – Tomioka) die nach Beginn der Reaktorkatastrophe am AKW Fukushima dai ichi entstanden ist. Die  „Schmauchspur“ reicht bis kurz vor Fukushima Stadt und macht dann einen Schlenker nach Süden, so dass auch die Shinkansenstrecke (wichtige ICE-Verbindung) zwischen Fukushima Stadt und Koriyama durch einen „abgeschwächten“ Ausläufer mit „abgedeckt“ ist. Als die N6 zur Durchfahrt wieder freigegeben worden ist, wurde gesagt, dass man zügig mit geschlossenen Fenstern und abgeschalteter Klimaanlage und ohne Zwischenhalt hindurch fahren soll. Die N6 wurde, um die Radioaktivität zu senken dekontaminiert. Abgehenden Seitenstraßen und Wege sind jedoch alle abgesperrt.  Laut den Behörden liegen die die Strahlenwerte nun in einem zumutbaren Bereich.

Abbildung/Karte: Verlauf der Schnellstraße N6 (als blaue Linie dargestellt) durch die verstrahlten Gebiete, sowie der ,,Schmauchspur" 

 

Auf der Schnellstraße durch radioaktiv verseuchte Gebiete und der Besuch bei Naoto Matsumura, der letzte Einwohner von Tomioka

- von Petra Alt -

Ich hatte die wertvolle Gelegenheit den Buchautor Jürgen Oberbäumer, der mit seiner Frau Mariko in der Präfektur Fukushima lebt zu treffen. Beide haben die Dreifachkatastrophe hautnah erlebt, sind zunächst geflüchtet, aber dann wieder in ihre Heimat zurückgekehrt; wodurch auch das Buch „Fukushima im Schatten“, eine spannende und hautnahe Berichterstattung und Tagebuch eines Insiders entstanden ist (mehr dazu weiter unten).

Zu dritt begeben wir uns nun auf den Weg, der über eine verstrahlten Durchgangsstraße führt, der N6.

Wir sind mit dem Auto auf dem Weg Richtung Norden und fahren in Yotsukura auf die Schnellstraße N6. Diese führt zunächst an der Pazifikküste entlang, an der ein neuer Tsunamischutzwall gebaut wird, der nach Angaben der Behörden besser halten soll.

Wir fahren über Hisanohama, was einen sehr schönen Strand hat, der bei vielen sehr beliebt gewesen ist, weiter in Richtung Hirono, was am Rande der 20-km-Zone liegt und wo sich auch das Gaskraftwerk der Firma Tepco, die das havarierte AKW Fukushima dai ichi zu verantworten hat, befindet. Die Landschaft ist bergisch. Die friedlich wirkende Natur der Umgebung würde einem ja normalerweise zum Genießen und durchatmen verleiten, wenn da nicht die erhöhte Radioaktivität wäre, die hier alles schon verseucht hat. 

Auch das J-Village, ein großes Sportzentrum befindet sich hier in der Nähe. Weiter geht’s über eine andere Straße, die mehr ins Land, etwas weg von der Küste führt, durch verstrahlte Orte, die nach Wünschen der Regierung wiederbesiedelt werden sollen. Dann wieder auf der N6 weiter in Richtung Norden. Wir sind in der 20-km-Zone.

Wir fahren am AKW Fukushima dai ni (12 km südlich vom havariertem AKW Fukushima dai ichi) vorbei, dessen Zufahrtsstraße, eine rote Brücke über einen Berghang führt. Wir fahren durch Tomioka, einen Ort, der ebenfalls vollständig evakuiert worden ist. Im Auto ist die Strahlung auf 1,50 µSv/h angestiegen. Die Strahlenwerte schwanken jedoch zum Teil sehr stark. Die Schnellstraße N6 wurde zwar großartig dekontaminiert, was jedoch nicht lange anhält, da immer wieder neue radioaktive Partikel aus dem nahe gelegenen AKW Fukushima dai ichi mit dem Regen und den Wind hier wieder nieder gehen. Wir nähern uns dem AKW Fukushima dai ichi und die Strahlung steigt auf 3,86 µSv/h. Hier führt die Schnellstraße N6 an der Reaktorruine vorbei, die an dieser Stelle nur 500 Meter vom Straßenrand entfernt ist. Man sieht es hinter den Baumwipfeln. Wir fahren aber erst einmal weiter bis Futaba. Auf Höhe der Futaba Polizeistation zeigt unser Gerät einen Wert von 4,44 µSv/h an!

Die Schornsteine vom AKW Fukushima dai ichi und der Reaktor 4 mit Brennelementeentnahmevorrichtung hinter den Baumwipfeln (Bild: Petra Alt)

 

In Futaba, dem ehemaligen Atomort, machen wir einen Zwischenstopp an einer Kreuzung. Nun stehen wir hier am Mahnmal von Futaba. Das Mahnmal von Futaba ist ein Schild, was wie ein Banner über die abgehende Straße prangert. Darüber ein Atom mit kreisenden Elektronen. In großen Lettern steht darauf: 原子力明るい未来のエネルギー「genshiryoku akarui mirai no energie」„Die Atomkraft ist die leuchtend helle Energie der Zukunft.“

 „Ja, das haben wir ja jetzt gesehen, wie hell die Zukunft „Dank“ der Kernenergie geworden ist!“

Links daneben an einer Hauswand hängt ein großes Plakat mit der Aufschrift: „Erhaltet das Schild und erinnert uns an unsere Torheit“. Abgebildet ist jemand, der in Schutzkleidung unter dem Mahnschild steht.

Denn Anfang des Jahres wollten die Behörden das Schild nämlich entfernen, da es angeblich herunter fallen und jemanden verletzen könnte.

„Wem soll es denn verletzen bitte schön?? Da darf doch eh keiner lang fahren. Die Straße ist doch so wie so gesperrt!“

Der wahre Grund ist nämlich, das man seit der Reaktorkatastrophe nicht mehr ganz so stolz ist auf das AKW und dessen „hell leuchtende Zukunft“, so dass das Schild eher peinlich und unangenehm geworden ist und nun schnell, still und leise entfernt werden sollte, als wäre es nie da gewesen.

Die Leute von Futaba, die ja zum Großteil auch von der Atomkraft profitierten, sind alle weg, das Mahnmal ist noch da und zeigt, wie „leuchtend hell“ die Kernenergie wirklich ist.

 

Links: Das Mahnmal von Futaba, rechts das Protestplakat an der Hauswand (bd. Bilder Petra Alt)

 

Neben uns hält noch ein weiteres Auto. Wir sind also nicht die einzigen, die das Mahnmal begutachten.

Wir fahren wieder zurück in Richtung Süden. Die N6 ist gut frequentiert. Die abgehenden Straßen sind alle abgesperrt und überall Wachleute.

Auf Höhe des AKWs Fukushima dai ichi bleiben wir kurz stehen und betrachten es auch etwa 500 Meter Entfernung. Hinter den Baumwipfeln ist ein Schornstein, rechts daneben ein paar Baukräne und die weiße Schutzhülle mit Entnahmevorrichtung der Brennelemente von Reaktor 4 zu sehen.

  

Links: Hinweisschild ,,AKW Fukushima dai ichi", mitte und rechts: AKW Fukushima dai ichi vom Straßenrand aus betrachtet (Bilder: Petra Alt)

 

Mehr ist hinter den Bäumen auf den Hügeln jetzt nicht zu sehen. Ich glaube, das reicht einem dann auch schon. Denn es ist einem ja schon mulmig genug, wenn man das AKW in Sichtweite vor Augen hat . . .

Im Tal vor den Bäumen steht ein Haus. „Na, die wohnen ja jetzt hervorragend hier.“ Natürlich sind die auch weg. Unser Messgerät zeigt einen Strahlenwert von 3,86 µS/h an. „Ja, das ist nun mal keine Nudelfabrik, die da hinten hoch gegangen ist.“

Wir fahren weiter nach Tomioka. Weiterhin abgesperrte Nebenstraßen und Wachposten. In Tomioka wollen wir Matsumura san besuchen, der nach Eintritt der Reaktorkatastrophe dem Evakuierungsbefehl nicht gefolgt und als einziger in der Sperrzone verblieben ist. Mariko und Jürgen trafen ihm schon vor zwei Jahren.

Zuerst müssen wir ein wenig Ausschau halten und finden eine Straße, wo wir links abbiegen können. Wir verlassen die N6 und fahren nach Tomioka rein. Überall stehen wieder die großen schwarzen Säcke mit dem radioaktiven Erdreich, Laub und Dreck. Neben dem Ortskern von Tomioka ein riesiger Lagerplatz, wo sich die schwarzen Säcke in die Höhe stapeln. Eine große Leichtbauhalle, in der ebenfalls radioaktive Abfälle lagern. Es kommen laufend Lastwagen mit weitern Säcken an, die hier im Zwischenlager deponiert werden sollen. Der Strahlenwert, der an einer feststehenden Messsonde am Straßenrand angezeigt wird, ist sogar weitgehend deckungsgleich mit unserer Messung, die 0,19 µSv/h beträgt. Das ist nämlich nicht immer der Fall, da die festen Sonden oft getürkt sind, damit die nicht zu viel anzeigen.

Zwischenlager für radioaktive Abfälle in Tomioka (Bild: Petra Alt)

 

Das ganze Zeug fällt bei den Dekontaminierungsarbeiten der Bodenflächen an. Auch hier in Tomioka laufen Flächendekontaminationen. Das bedeutet, dass die Regierung hier irgendwann die Leute wieder ansiedeln will.

Wir verlassen das Gelände wieder und fahren zum Bahnhof. Die Schienen der Joban-Linie sind völlig zu gewachsen. Der Bahnhof ist verschwunden. Den hat man abgerissen. Es ist nur noch der dazu gehörige Parkplatz da. Die Häuser sind verlassen, sind völlig der Witterung ausgesetzt und zerfallen langsam. Die Tsunamischäden sind noch sichtbar. Tomioka ist eine Geisterstadt. Die Strahlung schwankt hier zwischen 0,18 bis 0,5 µSv/h im Durchschnitt.  

 

Links: Die Geisterstadt Tomioka, rechts: Der Bahnhofsvorplatz jetzt ohne Bahnhof (bd. Bilder: Petra Alt)

 

Wir fahren zum Haus von Naoto Matsumura, was ein wenig versteckt im Grünen liegt. Auf der Ecke seines Grundstückes ist ein Gehege mit einem Strauß, der mit dem Schnabel nach uns picken möchte. Früher waren es mal zwei, jetzt ist da nur noch einer. Vor seinem Haus ein großer Hund an der Kette, der uns freudig begrüßt.

Es ist auch ein belgisches Fernseh-Team da, die eine Dokumentation über Fukushima drehen wollen und mit Matsumura san verabredet sind. Wer allerdings fehlt, ist Matsumura san, der hatte sich 50 Meter weiter mit seinem Nachbarn verquatscht, der mittlerweile woanders wohnt und in seinem Haus nur nach dem Rechten sehen wollte. Wir sind erleichtert ihm gefunden zu haben und gehen zur Viehweide. Den Kühen dort scheint es gut zu gehen, sie haben sogar Kälber. Die berüchtigten weißen Flecken auf dem Fell fehlen ebenfalls. Matsumura san, der auch letztes Jahr einen Vortrag in Frankreich gehalten hat, scheint es auch gut zu gehen. Die Strahlung auf dem Grundstück und der Kuhweide liegt bei 0,85 bis 1,86 µSv/h. Matsumura san hat sich mit der Strahlung abgefunden, bestreitet seinen Alltag in der Versorgung der Tiere und lebt von der Entschädigungszahlung. Manchmal erhält er Spenden. Er sammelt auch Früchte, die er dann verzehrt.

 

Links: Das Haus von Matsumura san, der letzte Einwohner von Tomioka, rechts: Die Kühe, die sich in Bach neben der Weide erfrischen (bd. Bilder: Petra Alt)

 

Auf der Zufahrtsstraße zum Grundstück stehen die Fahrzeuge der Arbeiter, die dort Flächendekontaminationen durchführen. Das gesamte Gestrüpp um die Bambusbäume ist entfernt worden, so dass der Boden nackt ist.

Am Straußengehege liegt die Strahlung bei 1,88 µSv/h. Die beiden Strauße wurden von Tepco gestiftet, weil Tepco große Eier legt und dieses hiermit symbolisieren wollte.

„Ja, aber eines der großen Eier war nur leider etwas faul und beinhaltet eine dreifache Kernschmelze“.

 

Einer der beiden Strauße, die einmal von Tepco gestiftet worden sind. Der andere Strauß ist nicht mehr vorhanden. Die Strahlung am Gehege beträgt 1,88 µSv/h (bd. Bilder Petra Alt)

 

Naoto Matsumura, der letzte Einwohner von Tomioka genießt mittlerweile, auch auf internationaler Ebene einen weitreichenden Bekanntheitsgrad. Er ist trotz mehreren Aufforderungen hartnäckig geblieben und hat die Sperrzone nicht verlassen. Anfänglich waren es noch elf Leute, die dort verblieben. Diese sind aber dann doch noch geflüchtet, bzw. mittlerweile verstorben.

 

Kleine Reise in die Nähe des Wahnsinns ...

- von Jürgen Oberbäumer –

Wir hatten Besuch aus Düsseldorf und verstanden uns schnell sehr gut mit Petra, einer eindrucksvoll arbeitenden Antiatomkraft-Aktivistin. Sie liebt Japan und schreibt einen hervorragend informierten Blog über Fukushima und die Folgen. Um den aktuellen Stand der Dinge und Undinge einmal aus der Nähe zu sehen machten wir uns also auf die kleine Reise von Yotsukura ins "Herz der Finsternis". Wir fuhren zu dritt in unserem kleinen Subaru über Nebenstraßen in Richtung Norden bis wir schliesslich hinter Tomioka wieder auf die N 6 stiessen.          

Wo wir die Sperre erwarteten, „noch zehn Kilometer bis Futaba“, sahen wir nur rechts und links auf einer Art Podest stehende Polizisten, und fuhren weiter. Steigendes Unbehagen in der Magengrube, Petras Strahlenmessgerät klickte hektisch und zeigte über 4,5 Mikrosievert pro Stunde an, fuhren wir weiter und weiter. Wir waren ja nicht die Einzigen! LKWs, aber auch Kleinbusse mit Arbeitern wie auch Ausflügler wie wir befuhren die Durchgangsstraße: denn das ist sie wieder. Ich hatte vergessen dass man wieder geradeaus fahren darf wohin das Herz begehrt: vorausgesetzt man hat starke Nerven und dreht die Fensterscheiben nicht runter. Anhalten verboten, Zweiräder nicht erlaubt. Rechts und links abzweigende Wege sämtlich gesperrt, jeweils mit einer Wache ausgeruestet. Speziell Berechtigten würden im Fall einer Notwendigkeit einige dieser Sperren geöffnet werden. Die meisten sind fest zugebaut. Wie einem diese Wachleute leid tun müssen. In einem Zwischenreich, nicht lebender, nicht toter Landschaft Wache stehen zu müssen: was diesen Leuten durch den Kopf gehen mag wie sie da stundenlang stehen, nur stehen, ohne Sinn? Salut an die Mächte der Finsternis! Es war gestern wunderbar sonnig und angenehm warm, diese Männer stehen aber auch im Regen und in der mörderischen Hitze des August dort. Auch sämtliche Zufahrten zu den am Straßenrand liegenden Anwesen sind mit stählernen Barrieren abgesperrt. Das Strahlenmessgerät zeigte zwischen zwei und fast fünf Mikrosievert pro Stunde heftig schwankende Werte an, die übrigens mit den offiziellen Angaben auf den zahlreich installierten Leuchttafeln gut übereinstimmten und es wurde mir immer mulmiger, und auch Mariko und Petra waren sehr still.  „Egal, wo wir jetzt schon so weit sind...“ dachte ich und biss die Zähne zusammen. Unversehends tauchten rechts der Straße, in etwa zwei Kilometer Entfernung, bekannte „Schornsteine“ auf, von riesigen rotweissen Kraenen irgendwie unbeholfen umstanden, und, richtig, die Silhouette von Block vier. Da war es also, das Scheusal. Dai-ichi. Die Nummer eins des Elends und des Leids, so eifrig auch alles unter den Teppich gekehrt wird, so still auch alles verschwiegen wird und so gern alles verlogen und verbogen wird.

Auf unserer Rückfahrt später hörten wir Abe in den Nachrichten zitiert. Wir hatten ausgerechnet gestern tausend Tage Abe, der grosse Mann feierte das mit einem Tag Golf ( „sicher hat er die Gesichter von Naoto Kan, Katsuya Okada und Taro Yamamoto auf die Bälle malen lassen“...) und äußerte zufrieden mit sich und der Welt was er als seine Aufgabe für die nächsten tausend Jahre, eh, Tage ansähe: „Die Wirtschaft! Die Wirtschaft!“ Jaaa, aber ob die Leute seine Märchen weiter glauben werden? Gab es nicht mal die Geschichte von den drei Pfeilen? Deren wichtigster nie abgefeuert wurde? Und hat nicht das zweite Quartal 2015 grad eben eine Kontraktion von 1,2 Prozent gebracht? WO gibt es Fortschritte in der Wirtschaft? Na, das wird demnächst durch anders werden. Waffenproduktion und -export, Samiel hilf! Die goldene Kugel, the silver bullet. Zu Fukushima sagte unser Anführer leider nichts. Er hatte eben auch nichts zu sagen. Der Schrotthaufen qualmt vor sich hin, wir hörten’s ja im hektischen Klickern von Petras Box, kontaminiertes Wasser, natürlich streng innerhalb der Grenzwerte, wird seit einer Woche direkt ins Meer geleitet, und überall in der Gegend um Futaba arbeiten arglistig getäuschte Menschen emsig wie die Ameisen an der Herkulesaufgabe die ihnen gestellt wurde: „Befreit das Land von diesem Fluch!“

Prosaischer ausgedrueckt: „ Stellt euch nicht so an, nehmt Besen und Drahtbürsten in die Hand und macht sauber! Macht das ungefähr hundert Jahre lang, und dann sehen wir weiter.“ Wir sahen sie überall schuften, zwischen Bäumen, angeseilt an steilen Hängen, auf Straßen, auf ehemaligen Feldern einer verwilderten Landschaft. Sie waren guter Dinge dabei, lachten und behandelten uns mit der ungekünstelten, der echten, unnachahmlichen Höflichkeit Japans als wir ihnen in die Quere kamen: wie können die das? Wie schaffen die das? Es ist mir ein Rätsel. Ich kann nicht anders als sie aus ganzer Seele zu bewundern wie diese Menschen da tagein, tagaus radioaktiv verseuchtes Material aller Art, Blätter, Astwerk, Stein und Staub, Moos und Schimmel in die nur zu gut bekannten grossen schwarzen Säcke füllen und dann abfahren auf die allgegenwärtigen vorübergehenden Deponien: Millionen dieser Säcke stapeln sich dort. Es ist dem gesunden Menschenverstand absolut unvorstellbar was es dort für Anlagen gibt. Wie zu mittelalterliche Befestigungen türmen sie sich in Reih und Glied. Befestigungsanlagen – um WAS abzuwehren? Wo doch der Feind in den Toren ist.

Ich staune wozu der Mensch fähig ist – und muss im nächsten Schritt meiner Bewunderung bitter einhaken. Mit so viel Arbeitskraft, mit so viel japanischem gutem Willen: haette man nicht etwas Besseres machen können? MÜSSEN? Diese um ihre Gesundheit betrogenen, freundlichen Arbeiter würden doch genauso freundlich Solarpaneele aufstellen und sauberhalten. Ohne verseucht zu werden bis ins dreißigste Glied, ich denke an einen Bericht aus Basel, nach dem Radioaktivität in weissrussischen Kleinlebewesen erst über die Generationen hin wirklich stark schädigt: nicht etwa verschwindet. Die Menschen im ganzen Land Nippon, dem von jedem dreckigen Politiker mit scheinheilig zum Himmel gerichtetem Blick beschworenen „wagakuni“, WOLLEN KEINEN ATOMSTROM, das sagen sie in jeder Umfrage. Natuerlich – weil sie eben Japaner sind sagen sie’s nicht laut genug. Keiner will mehr Atomkraft. Nur die LDP will sie, nur Abe und seine Leute wollen sie. Weil sie ihre Seelen an den Satan dieser Zeit verkauft haben, nur aus diesem einen einzigen Grund. Weltweit gibt’s viele solche, die Japaner sind nicht die Schlimmsten, das stimmt.

Nur, die habe ich hier vor Augen. Die machen mir das Leben schwer. Die haben uns unsere Zukunft hier gestohlen. Natürlich sind sie alle nur kleine Räder in einer großen Maschinerie, das stimmt. Heißt die Zeitgeist? Oder ganz normaler Wahnsinn? WACHSTUM?! Im Zug der Lemmige rennen wir auf die Klippe zu, immer schneller.

Was nur so schwer zu vergessen ist, so schwer zu verzeihen: das Schlangenei unserer weltweiten Verrücktheit hatte eben hier, eben in „wagakuni“ für ein paar kurze Wochen des Fruehjahrs 2011 einen Riss durch den wir ein verheißendes Licht schimmern sahen. Ein Spalt im Gemäuer hatte sich uns geöffnet, wir sahen eine erstrebenswerte Zukunft! Aus Angst und Ausweglosigkeit schien ein neues zu Japan entstehen. Das ein leuchtendes Vorbild für viele gewesen wäre. Für China insbesondre, den orientierungslosen Koloss gleich nebenan. Es sollte nicht sein.

Einige kurze Wochen lang gab es aber Hoffnung. Das wenigstens bleibt festzuhalten.

Wir hielten ein paar Minuten später an. Waren am Ziel unserer Fahrt angekommen ohne dass wir gewusst hätten wohin wir wollten. Hier war nun aber das Ziel. Über eine Seitenstraße links ab der N 6 angebracht eine weiße Tafel mit den prophetischen Wortern darauf: „Genshiryoku Akarui Mirai no Energy“ (Atomkraft – die Energie fuer eine strahlende Zukunft). Anzumerken wäre dass ich mir erlaube „akarui“, eigentlich „hell“, im Bestreben des Chronisten um ein aussagekräftiges deutsch, in seiner Nebenbedeutung „strahlend“ zu uebersetzen.       

Diese Tafel ist inzwischen international bekannt geworden. In den kaum drei Minuten die wir dort verbrachten hielten denn auch gleich zwei weitere Autos dort an, junge Männer stiegen aus, gingen, wie wir zuvor an die Absperrung und fotografierten dieses Mahnmal menschlicher Verirrung. Ich grüßte sie, und sie erwiderten wohl oder übel misstrauisch mein „Guten Tag!“ ... Nein, völkerverbindend ist dieses Mahnmal nicht. Es sollte ja auch abgerissen werden, es sei gefährlich, wie es das die Straße nach Futaba hinein überspanne, hieß es! In der Tat, gefährlich. Fragt sich nur für welche Leute! Für uns jedenfalls nicht. Ein Grundschüler namens Yuji Onuma hat den schönen Glauben der fünfziger und frühen sechziger Jahre an eine dank Atomkraft strahlende Zukunft ehemals so prägnant formuliert. Sein Foto ist nun an einer Hauswand links neben der straßenüberspannenden Werbung für Tepco und Konsorten angebracht. Er ist älter geworden, und klüger. Trägt eine Schutzmaske wie er sich in grossen roten Buchstaben für die Erhaltung der historischen Tafel einsetzt. Auf englisch steht unter einem japanischen Text ergänzend geschrieben: Save the sign. Remember our folly! 

Das sagt eigentlich sehr gut was uns nottut. Kein Wunder dass die Behörden das Schild von der strahlenden Zukunft nicht lieben und es nicht mehr sehen wollten! Nach einer Protestkampagne der konservativ (was immer noch „erhaltend“ heißt, trotz Reagan, Bush und Abe) gestimmten Rebellen wurde aber letzten Juni entschieden: es bleibt. http://ajw.asahi.com/article/0311disaster/fukushima/AJ201506180068

Ergänzend weiß die Japan Times das die (ehemaligen) Einwohner Futabas das vermaledeite Schild, und seinen Zwilling an anderer Stelle, nicht mehr sehen wollen. Was man verstehen kann. Ich wuerde ihnen aber auch gern das alte deutsche Sprichwort vom „mitgegangen mitgefangen...“ einmal nahebringen! „Mitgehangen.“

Man darf sich nicht davonstehlen wollen, liebe Bürger Futabas, wenn’s nicht mehr so prächtig läuft wie all die fetten Jahre hindurch! Ihr wurdet auf Kosten Anderer reich.

http://www.japantimes.co.jp/news/2015/06/09/national/social-issues/slogan-writer-seeks-keep-fukushima-pro-nuclear-signboard-place/#.VgDEfdLtlBc

Remember! Remember!

Düster fuhren wir zurueck. Es zehrt so an einem dies ganze Elend zu sehen und nichts tun zu können. Ich sitze ja nun kaum 20 Stunden später wieder an meinem Schreibtisch und lasse die Sonne scheinen – aber das Elend bleibt doch! Es ist so nah, ich könnte innerhalb eines halben Tages zu Fuss dort hingehen. Auch hier ist das Elend doch! Unser Garten ist verwildert, unser Haus zum Abriss vorgesehen, wir selber werden auf der Straße sitzen oder in fremden Wänden: die uns nicht lieb sein werden.

Auch das ist deine Schuld, Tepco.

Wir erreichten Tomioka, fuhren durch die gleichen engen Strassen mit ihren vom Tsunami verwüsteten Häusern in Richtung Bahnhof wie vorletztes Jahr: da hat sich nichts verändert, die Zeit steht da still. Kleinlastwagen mit überaus höflichen Fahrern transportieren in einer regelrechten Schlange große schwarze Säcke, was mag denn wohl in denen sein, zum Strand: sollen die denn ins Meer gekippt werden!? und es gibt eine riesige Halle zur vorübergehenden Lagerung radioaktiver Abfälle. Dafür ist der Bahnhof spurlos verschwunden. Nur die Einfahrt zum ehemaligen Parkplatz ist noch da. Samt der alten, schief abgeknickt hängenden Parkscheinausgabe. Irgendwie hat dies Ding sowohl Tsunami als auch Bagger überstanden!

Was wir dann suchten – war der Weg zu Matsumura-san. Dem „letzten Menschen von Fukushima“. Nach einigen Irrwegen sah ich Ballen Heu am Straßenrand: aha. Wir bogen in den schmalen Weg zu seinem Haus ein und fanden dort einige Belgier mit Dolmetscher, Kamera und Mikrofon wartend am Wegrand hocken: sie hätten eine Verabredung aber er wäre noch nicht da. Was wir denn wollten? – Wir seien alte Bekannte und nur mit einer Flasche Sake für einen kurzen Besuch vorbeigekommen.

Hmm. Ob sie uns denn vielleicht, („internationale Besucher beim ‚dernier homme de Fukushima’!“) in ihre Reportage einbauen dürften? – Warum nicht. 

So kam’s dass wir vor laufender Kamera und offenem Mikro Hund und Katzen streichelten, dem neugierigen Schnabel des letzten überlebenden Tepco-Strausses aus dem Weg gingen und uns vor einem Schuppen mit allerhand Zivilisationsmüll, ( guck mal, was da für ein Auto unter dem Dreck steckt!) allerhand Gedanken machten wo Matsumura-san denn nur sein könnte. Zuletzt hatte Mariko die Idee er sei bestimmt bei seinen Viechern: und wir machten uns auf den Weg die hundert Meter bergab. Es wurde dort eben dekontaminiert, junge Leute quälten sich aber machten uns freundlich Platz, ja, bitte, klar können Sie hier durchgehen, entschuldigen Sie dass wir hier den Weg blockieren!

Uns war nicht wohl im Staub den sie aufwirbelten wie sie energisch die Straße fegten, aber sie waren ja daran gewöhnt...

Wir trafen Matsumura-san denn auch glücklich an: er stand im Gespräch mit seinem ältesten Nachbarn vor dessen Haus, brach aber die Unterhaltung gleich ab und freute sich uns nach zwei Jahren wiederzusehen. Er sieht gut aus, und ist in Allem unverändert. Sein Nachbar aber, der gerade kurz gekommen sei, werde nun doch nie wieder in sein altes Haus zurückkehren... Niemand käme zurück. Seine Rindviecher? Denen gehe’s gut. 27 Stück zur Zeit, auch Kälber dabei. Wir gingen alle rüber und schauten sie an, Kamera und Mikro im Schlepp, und suchten verstohlen die mysteriösen „weißen Flecken“ die doch einige Tiere der Gegend haben – ohne einen einzigen zu finden. „Denen geht’s gut!“ sagte er, und es scheint zu stimmen.

Die Behörden haben inzwischen aufgegeben sie töten zu wollen. Matsumura hat wenigstens diesen Kampf gewonnen. Stattdessen waren schon Vorbereitungen zu sehen auch ihre Weide zu dekontaminieren. Fünf Zentimeter Boden soll abgetragen und durch Sand ersetzt werden. Eine Maßnahme die wir kurz vorher hier und da in der näheren Umgebung durchgeführt sahen. Was nützt sie? Ich weiss es nicht. Es ist alles Stückwerk, Flickwerk – es können sowieso nur kleine Teile des Ganzen „dekontaminiert“ werden, und auch da ist der Erfolg zweifelhaft.

Wir tauschten dies und jenes an Neuigkeiten aus und gingen dann, immer von der Kamera begleitet, zurück an den Weg, wo er seinen Kleinlaster stehen hatte. „Wollt ihr nicht hintendrauf?“ Wir stiegen auf und ritten bildmächtig los in den Sonnenuntergang: Matsumura-san weiss schon was die Kamera will! Oben angekommen holten uns die Fernsehleute wieder ein und bekamen damit auch noch ein paar Bilder: „Internationale Abfahrt“. „Cut!“

Gilles Laurent vom Centre Video de Bruxelles macht eine Dokumentation mit Titel: „La Terre Abandonnee.“

Was für ein Tag. Für jemand anderes waren es tausend Tage an der Macht; der große

Mann selber begang das Ereignis auf dem Golfplatz; ob er die Bälle mit den Gesichtern seiner Gegner versah ist nicht bekannt. Im Geist hat er mit Sicherheit an die schmerzverzerrten Grimassen der Okadas und Yamamotos gedacht wie er den Schläger schwang, ganz locker ausholend, zu einem befreienden Schlag in den Bunker.

 

Buch Tipp

Fukushima im Schatten

Der elfte März 2011 und die folgende Woche waren Tage von Vertreibung und Flucht. Das Jahr darauf – ein Hängen an den Fingerspitzen. Dreiunddreißig Kilometer südlich von Fukushima Dai-ichi lebt es sich schwer. Es ging aber alles noch einmal gut. – Ging es wirklich gut? Eine Lehre wurde mir und uns allen Japanern hier erteilt, das ist zweifelsfrei: wer sich in eine dreifache Katastrophe von Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze verwickelt findet, beginnt nachzudenken. Was lernte ich? Ich begann zu schreiben um mir darüber klar zu werden. Ich begann nach fast einem Jahr der Schreckstarre mich zu erinnern. Als Zeitzeuge führe ich nun fortlaufend Protokoll: „Fukushima“ ist eine Katastrophe in mehreren Akten. Als Zeuge der Ereignisse finde ich einen Sinn in unserer, nämlich meiner Frau und meiner, Existenz am Rande des Entsetzens. Ich möchte aufrütteln. (Text: Jürgen Oberbäumer, wie bei Amazon beschrieben)

·        Autor:        Jürgen Oberbäumer

·        Verlag:      Möllmann, Ch (15. Mai 2015)

·        ISBN:         978-3-89979-222-5

 

Messung der Radioaktivität während unserer Fahrt

Die Messwerte der Radioaktivität wurden im Messprotokoll vom 21.09.2015 dokumentiert. => Zum Messprotokoll

Videos

Fahrt durch die radioaktiv verseuchte Schnellstraße N6

Wir fahren auf der Schnellstraße N6, die mitten durch radioaktiv verseuchtes Gebiet führt. Die Seitenstraßen und Grundstückseinfahrten sind abgesperrt. Die Strahlung, die stellenweise sehr stark schwankt, liegt zwischen 1,0 und 4,5 µS/h.

Videos:

Zu „Matsumura san“ gibt es ein paar Videos auf Youtube (japanisch)

 

警戒区域に生きる 松村直登さん

Der in der Sperrzone lebende Naoto Matsumura san

 

ここで生きることが闘い富岡町の松村直登さん

Der hier in Tomioka lebende Naoto Matsumura san kämpft weiter