Fukushima heute Berichte 2016

 

September 2016

Fünfeinhalb Jahre nach der Dreifachkatastrophe – Die Lage in Fukushima und Nordostjapan

Auch wenn die Reaktorkatastrophe von Fukushima mittlerweile schon über 5 Jahre zurückliegt und vielerorts in Vergessenheit  geraten ist, ist die immer noch bestehende Gefahr, die von der Reaktorruine ausgeht, bei weitem nicht gebannt. Die Folgen nehmen immer mehr Ausmaß an. Immer noch läuft radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Die „Eismauer“ am AKW Fukushima dai ichi hält auch nicht das, was sie verspricht – sie ist undicht! Eine unvorstellbare Umweltkatastrophe auch für die nachfolgenden Generationen!

Die Einwohner, die in der Präfektur Fukushima verbleiben müssen, leiden unter den Folgen der erhöhten Radioaktivität. Immer mehr Kinder erkranken an Schilddrüsenkrebs (172 Kinder mit gesicherter Diagnose, bzw. mit dringenden Verdacht, 03/2016). Weitere Erkrankungen sind ebenfalls auf dem Vormarsch.

Von offizieller Seite werden die Folgen und Probleme, die die Reaktorkatastrophe mit sich bringt weiterhin verharmlost und versucht unter den Teppich zu kehren. Die radioaktiv verseuchten Gebiete werden „dekontaminiert“ und die Evakuierten sollen nach und nach zurückkehren. Denn wer zurück „kann“ (soll!), hat keinen Anspruch mehr auf die regelmäßige Entschädigungszahlung und Tepco und die Regierung sparen Geld. Zudem sollen die regelmäßigen Entschädigungszahlungen ab März 2017 generell eingestellt werden. Die Containersiedlungen werden nach und nach aufgelöst. Wer also nicht weg kann, muss zurück in seinen ursprünglichen Heimatort nahe der Reaktorruine in eine radioaktiv verseuchte Umgebung. Denn die Flächendekontamination hält nicht ewig vor. Nach ein paar Monaten steigt die Strahlung nämlich wieder an, da mit Wind und Regen immer wieder neue Partikel aus dem AKW Fukushima dai ichi herangetragen werden.

Bislang gab es Freigaben für die Städte Tamura (Bezirk Miyakoji) und Naraha, sowie die Ortschaften Katsurao und Kawauchi.

Onagawa im Tsunamihauptgebiet - 100 km nördlich vom AKW

Die Küstenortschaft Onagawa, Präfektur Miyagi, 6231 Einwohner, ist eine Kleinstadt in Nordostjapan. Die Bucht von Onagawa wurde durch den Tsunami 2011 wie viele weitere Küstenorte auch, nahezu komplett zerstört. Die Ortschaften Kesennuma, Rikuzentakata und Ofunato, etwas nördlich von Onagawa sind gleichermaßen betroffen.    

Mittlerweile wurden einige Häuser neu errichtet. Die Fläche um den Fischereihafen ist noch komplett frei. Die Häuser, die hier standen, wurden alle weggespült. Überall sind Baufahrzeuge zu sehen, die die Fläche geebnet haben. Der gesamte Küstenabschnitt gleicht einer Großbaustelle. Der Wiederaufbau ist im vollen Gange.

Der Bahnhof Onagawa, ein Sackbahnhof, etwa 200 m landeinwärts vom Hafen entfernt, wurde ebenfalls zerstört und neu errichtet. Betrachtet man die Luftbilder, sieht das Bahnhofsgebäude aus wie der Kopf eines Hammerhais. 

                          

Im Hafen liegen die Fischerboote. Das Fischen in der Bucht von Onagawa, was nur 120 km vom havariertem AKW Fukushima liegt, ist unter Einschränkung erlaubt. Die Strahlenobergrenze für Lebensmittel wie Fleisch, Fisch etc. liegt bei 100 Bq/kg. (Noch zu hoch!) Zum Vergleich: In Europa liegt die Grenze bei noch höheren 600 Bq/kg!

Von der Kaimauer aus kann man die Bucht weit einsehen. Der Blick aufs offene Meer bleibt zwar durch die Berge der Bucht verdeckt, aber hinter einer der Berge blinkt mahnend das Licht am Abluftschornstein des AKWs Onagawa, was nur 6 km vom Ortskern entfernt liegt. Der Reaktor 2 wird zurzeit durch die Atomaufsichtsbehörde NRA auf Erfüllung der Sicherheitsanforderungen überprüft. Ob der Reaktor wieder in Betrieb gehen darf, ist noch völlig unklar.  

                            

Minamisoma – verstrahlt und teilweise vom Tsunami zerstört

Etwa 1800 Häuser nahe der Küste wurden durch den Tsunami zerstört. Odaka, Gemeinde Minamisoma, 11 km nördlich der Reaktorruine weist eine durchschnittliche Strahlung von 0,20 bis 0,40µS/h auf.  

Insgesamt 11 Ortschaften wurden nach der Reaktorkatastrophe evakuiert und sollen alle, soweit es nach Ermessen der Regierung „möglich“ erscheint, nach einer Flächendekontamination freigegeben und wiederbesiedelt werden. Minamisoma ist nun die fünfte Gemeinde, in der der Evakuierungsbefehl im Juli 2016 größtenteils aufgehoben worden ist. „Lediglich“ von einigen Bereichen, die immer noch eine hohe Strahlung aufweisen, soll man sich fern halten. Zudem sind die Dekontaminationsarbeiten der Landflächen noch nicht abgeschlossen. Bisher wurden nur die Wohngebiete als solche dekontaminiert, aber nicht die angrenzende Landschaft, wie Felder und Wiesen. Bis voraussichtlich März 2017 soll die Flächendekontamination jedoch abgeschlossen sein.

Die Gemeinden Naraha, Tamura, Katsurao und Kawauchi wurden schon 2014 und 2015 für die Rückkehr freigegeben. Die Regierung wünscht vor allem, dass junge Familien zurückkommen. Diese sehen jedoch die Gesundheit ihrer Kinder im Vordergrund und haben sich bereits woanders niedergelassen. Lediglich ein paar, jedoch vorwiegend ältere Leute kehren zurück. Das sind etwa 2000 der ehemals 11000 Einwohner. Die Infrastruktur wird nach und nach wieder hergestellt und ein neuer Solarpark ist ebenfalls im Bau. Die Joban-Bahnlinie, die noch zum Teil durch Schienenersatzverkehr bedient werden muss, soll auch bald wieder komplett hergestellt werden – Das lockt die Leute aber trotz dem nicht an. Denn die Sorge wegen der erhöhten Strahlung ist, auch wenn es oft nicht offen gesagt wird, groß.

In den dekontaminierten Bereichen in der Ortschaft Odaka liegt die Strahlung im Schnitt bei 0,2 bis 0,4µSv/h, teilweise sogar höher (Messung von 09/2016). Zum Vergleich: vor der Reaktorkatastrophe lag die Strahlung bei etwa 0,036µSv/h.

Tamura

In Funeheki, ein Stadtteil von Tamura bei Kōriyama, 40 km vom AKW Fukushima dai ichi, liegt die Strahlung in den Wohngebieten bei etwa 0,18 bis 0,22µSv/h. Im Umland, was nicht dekontaminiert worden ist, sind die Werte ebenfalls entsprechend höher.

Kōriyama und Fukushima-City - hohe Strahlung mitten in der Stadt

Die Städte Kōriyama und Fukushima-City liegen etwa 45 bzw. 60 km westlich der Reaktorruine auf einer wichtigen Shinkansen-Strecke.

In Kōriyama auf einer viel befahrenen Hauptstraße oder andernorts in der Innenstadt liegt die Strahlung bei 0,24 bis 0,28µSv/h. Auf dem Bahnhofvorplatz am Kōriyama Hauptbahnhof steht eine von vielen festinstallierten Strahlenmesssonden, die im Vergleich zur selbst durchgeführten Messung niedrigere Werte anzeigt. Vorbei läuft eine Horde Kinder, wo man sich fragt, ob die wirklich wissen, was das da mit dem Ding auf sich hat? Oder ob die auch nur die verharmloste Variante und nicht die wirkliche Gefahr der Radioaktivität kennen? – Kommt darauf an, was die Lehrer ihnen in der Schule vermitteln (müssen). Denn die Regierung ist, vor allem auch im Anbetracht der Olympia 2020, sehr stark bestrebt „Normalität“ walten zu lassen.

Der Kaisaizan Park, 2 km vom Hauptbahnhof wurde Ende 2011 ausgiebig dekontaminiert. Aufgestellte Tafeln zeigen den aktuellen Strahlenwert im Vergleich zum Zeitpunkt vor der Dekontamination. Am Spielplatz steht zusätzlich eine feste Messsonde, die die Eltern beruhigen soll – auch hier abweichende Werte. Ein Kind sitzt auf der Schaukel, andere Kinder tollen herum -  die Radioaktivität auf dem Spielplatz beträgt hier im Schnitt 0,24 bis 0,28µSv/h.

Auch in Fukushima-City weiterhin deutlich erhöhte Strahlenwerte, 0,20 bis 0,42µSv/h an viel befahrenen Straßen, in der Einkaufsstraße und den Wohngebieten. Eine noch höhere Strahlung ist z.B. auf Grünflächen zu finden. Am Fluss Abukuma auf der Wiese teilweise bis zu 3,60µSv/h! Es wurden zum Teil sogar noch stärker strahlende Hotspots gefunden. Über die unsichtbare Gefahr wird so gut wie gar nicht offen gesprochen. Alles wird totgeschwiegen. Der ansteigende Anteil an Schilddrüsenkrebs bei Kindern, der mittlerweile bei 172 Fällen liegt, wird auf den sogenannten „Screening-Effekt“ geschoben. Andere Erkrankungen, die „aus unerklärlichen Gründen“ gehäuft auftreten, stehen natürlich auch nicht in Verbindung mit der erhöhten Radioaktivität – Die Reaktorkatastrophe wird, soweit es den Lobbyisten möglich ist, klein geredet. Nur ein paar wenige bringen ihren Unmut zum Ausdruck: An einigen festinstallierten Strahlenmesssonden sind entsprechende Klebebildchen zu sehen, die auf die unsichtbare Gefahr und dem Verursacher Tepco hinweisen.

                          

Es wurde zwar hier und dort dekontaminiert, aber trotz dem herrscht weiterhin eine erhöhte Radioaktivität in Fukushima City, die gesundheitlich bedenklich ist.  

                         

Naraha

Die Stadt Naraha, am Rande der 20 km-Zone, südlich des AKWs Fukushima dai ichi wird seit 2014 „wiederbelebt“. Wehrend nach und nach einzelne Ortschaften nach einer fragwürdigen Flächendekontamination wieder freigegeben werden, entsteht in Naraha ein riesiges Zentrum der Atomindustrie und Forschung, was sich vorwiegend mit dem havariertem AKW Fukushima dai ichi beschäftigt. Mitten in der Landschaft, abseits vom Ortskern stehen die große Hallen und Gebäude des Japanischen Forschungszentrums für Nukleartechnologie und Entwicklung.

In einer der großen Gebäude wurde die Brennelementeentnahmevorrichtung für Reaktor 3 aufgebaut. Hier wird jeder einzelne Arbeitsschritt geübt, überprüft und ggf. optimiert. Die Entnahme der Brennelemente aus Reaktor 3 muss wegen der hohen Radioaktivität rasch und präzise von statten gehen. Denn hier sind sogar plutoniumhaltige MOX-Brennelemente mit im Spiel, die seit August 2010 im Reaktor sind. Das Gebäude wurde bei der Wasserstoff- und Nuklearexplosion im März 2011 sehr stark beschädigt. Dabei wurden radioaktive Partikel, u.a. auch Plutoniumstückchen in der gesamten Umgebung verteilt.

                 

Nicht weit vom Nuk-Zentrum Naraha findet man ein großes Reisfeld neben der Landstraße, wo der angebaute Reis, der erste Reis aus Fukushima, offiziell zum Verkauf angeboten werden darf. Laut der Präfekturverwaltung sei dieser unbedenklich.  Ein kurzes Stück dahinter kommt ein riesiger Lagerplatz für radioaktives Erdreich, Laub und Dreck, was bei den Flächendekontaminationen angefallen ist und nun in schwarzen Säcken dort lagert. Damit die Säcke ein wenig vor Witterungseinflüssen geschützt sind, sind diese mit einer dicken Kunststoffplane abgedeckt. 

 

 

 

 Tomioka, 12 km südlich vom AKW Fukushima dai ichi

Am Zwischenlager hinter dem ehemaligen Bahnhof Tomioka stehen deutlich weniger Säcke als im Vorjahr – ob diese schon für den Straßenbau „wiederverwertet“ worden sind? Die verlassenen Häuser vor dem Bahnhof wurden alle abgerissen.  Am Bahnhofsparkplatz steht ein Schild, was den Wiederaufbau bis zum 27.02.2020 ankündigt. Ja, auch in Fukushima soll die Olympiade stattfinden – so, als sei nichts geschehen.

     

Vor der Reaktorkatastrophe war die Region eher wegen dem Sportzentrum J-Village berühmt, wo einst die japanische Fußballmannschaft trainierte. Das J-Village wurde seinerzeit, wie viele andere Dinge auch, von Tepco finanziert, damit man sich besser mit den beiden AKWs in der Nachbarschaft anfreunden kann – und jetzt ist eins davon „hochgegangen“. . .