Interview mit Ex-Ministerpräsidenten Junichirō Koizumi

Mai 2018

Zum Land ohne Atomkraft – Strom aus 100% erneuerbarer Energie möglich, ein Interview mit dem ehemaligen LDP-Ministerpräsidenten Junichirō Koizumi 

In einem Interview, das die Tageszeitung „Tokyo Shinbun“ am 13.05.2018 mit dem ehemaligen LDP-Ministerpräsidenten Junichirō Koizumi (76) geführt hatte, mahnte dieser die gegenwärtige Energiepolitik von Ministerpräsident Shinzo Abe (LDP) an.

Darin kritisiert Koizumi, das Abe eine Energiepolitik anstrebt, die trotz abgelaufener Reaktorkatastrophe in eigenem Lande, die Wiederinbetriebnahme einiger AKWs vorsieht, und zwar ohne das Ganze einmal kritisch zu hinterfragen. Denn man könnte ja auch statt der Kernenergie, „mal zur Abwechslung“ die erneuerbaren Energien mit staatlichen Geldern subventionieren. So hätte man schon viel früher den Anteil an Kernenergie von etwa 30% in Strommix, innerhalb von 10 Jahren durch erneuerbare Energien ersetzen können. (2010 bestand der japanische Energiemix aus 33% Kernenergie). In der näheren Zukunft wäre es sogar möglich, den kompletten Strombedarf durch erneuerbare Energie zu decken, so dass auf die Kernenergie komplett verzichtet werden kann. Angesichts dieser Tatsache betont Koizumi ganz besonders, dass Abe, dem entsprechend lieber mal den Ausbau der erneuerbaren Energien voranbringen soll, statt die Kernenergie zu unterstützen.

Koizumi ist ein sehr erfahrener und kompetenter (Ex)Ministerpräsident, und sagt: „Wenn ich der amtierende Ministerpräsident wäre, und den sofortigen Atomausstieg beschließen würde, hätte die LDP sicherlich nichts dagegen einzuwenden und würde diese Entscheidung auch mittragen. Unter Abe jedoch, der nicht aus der Atomkraft raus will, wäre ein Atomausstieg erst nach einem Wechsel des Ministerpräsidenten denkbar.“ Dazu benennt Koizumi den amtierenden Außenminister Taro Kono1,2 als Hoffnungsträger.  

Bis zur Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 war Koizumi ein absoluter Befürworter der Atomkraft und vertrat auch die Meinung, dass die Kernenergie sicher, kostengünstig und umweltfreundlich, also „sauber“ sei. Nun, 7 Jahre nach der Reaktorkatastrophe, stellt man fest, dass es auch während der Komplettabschaltung aller AKWs nicht zu Stromversorgungsengpässen, geschweige denn zum Blackout gekommen ist. Das beweist, dass Japan sofort aus der Atomkraft aussteigen könnte.

Außerdem gibt es bisher noch keine umsetzbaren Pläne für ein sicheres Endlager für die abgebrannten Brennelemente. Von daher sollte die gegenwärtige Energiepolitik in Bezug auf Atomkraft generell mal überdacht werden, so Koizumi. Die Vision des „geschlossenen Brennstoffkreislaufes“, bei der die gebrauchten Kernbrennstoffe zwecks Wiederverwertung aufbereitet werden sollen, war ebenfalls ein Misserfolg. Die Illusion der unendlichen Energiequelle war ebenfalls dahin, als der Schnelle Brüter Monju nach nur sehr kurzer Betriebsdauer, aufgrund eines Störfalls einen Totalschaden „erlitten“ hatte. „Eine absolute Verschwendung“!

„Ich weiß auch nicht, so Koizumi, wie Abe dazu kommt, nach dem er die gefährliche Atomkraft im eigenen Lande nun nicht mehr so wirklich „wiederbeleben“ kann, stattdessen jetzt in AKW-Bauprojekte im Ausland investiert“ und diese unterstützt³.

Warum die Förderung der AKWs, die ja nun wirklich eine latente nukleare Gefahr darstellen, für manche Leute kein Abschreckungspotential hat, kann ich nicht nachvollziehen“, so Koizumi weiter, und er fügt noch hinzu: „Wer meint, dass Japan keine Atomwaffen hat, der liegt völlig daneben.“

Der LDP-Politiker Junichirō Koizumi war von 2001 bis 2006 Ministerpräsident von Japan und ein absoluter Befürworter der Kernenergie. 2009 zog er sich aus der Politik zurück. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 die totale Kehrtwende um 180°, als Koizumi nämlich feststellte, dass die AKWs absolut nicht „sicher“ und „sauber“ sind. Seitdem setzt er sich verstärkt mit dem Thema „Gefahren und Folgen der Kernenergie“ auseinander, hält Vorträge und hat auch schon Artikel und Bücher zum Thema publiziert.

Noch während seiner Amtszeit wäre dies jedoch ehr schwierig gewesen. Aber da er ja nun im Ruhestand ist, kann er seine Meinung äußern, ohne mit beruflichen Konsequenzen rechnen zu müssen. Denn das ist in Japan nämlich nicht ungewöhnlich, dass Leute, die eine „abweichende“ Meinung vertreten, Probleme am Arbeitsplatz bekommen. . . einfach versetzt werden, oder einen fingierten Skandal untergeschoben bekommen. . . So z. B. ein Moderator des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders NHK, der im April 2011 in einer Live-Sendung das Wort „Kernschmelze“ in den Mund nahm, zu Zeiten, als man noch versuchte, das Ausmaß der Reaktorkatastrophe zu verbergen. Auch der Präfekturgouverneur von Niigata, Ryuichi Yoneyama, der die Wiederinbetriebnahme zweier Reaktoren am AKW Kashiwazaki Kariwa, trotz „gutem Zureden“, weiterhin strikt ablehnte, musste im April 2018 seinen Hut nehmen, als ihm eine frei erfundene Sexaffäre angedichtet worden ist.

 

Laut Berechnungen: Erneuerbare Energien weltweit bei 66,3% bis 2040

Nach Beginn der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011, gingen in Japan nach und nach alle AKWs vom Netz. Trotz der fehlenden Notwendigkeit drängte die Regierung jedoch auf eine rasche Wiederinbetriebnahme einiger Reaktoren, so dass mittlerweile schon 9 Reaktoren an 5 AKWs von der Atomaufsichtsbehörde NRA und den lokalen Behörden zur Wiederinbetriebnahme freigegeben worden sind. Davon sind momentan 5 Reaktoren an 3 AKWs am Netz (Stand 05/2018).

Obwohl der Anteil an Kernenergie 2016 „nur“ 1,7% im landesweiten Energiemix betrug, also komplett entbehrlich wäre, legte die Regierung im Energiefahrplan einen Anteil von 20 bis 22% an Kernenergie bis 2030 fest. Um das zu erreichen, müssten aber, was die Regierung natürlich nicht „verrät“, wie eine japanische Greenpeace-Studie jedoch schon belegte, sogar neue Reaktoren gebaut, bzw. die Laufzeit einiger Altreaktoren verlängert werden. Denn laut dem gegenwärtigen Atomgesetz müssen nämlich alle Reaktoren, die eine Betriebszeit von 40 Jahren erreichen, stillgelegt, bzw. um eine Laufzeitverlängerung für maximal 20 weitre Jahre zu erhalten, aufwändig und teuer nachgerüstet werden. Davon betroffen sind sogar einige Reaktoren, so dass der anvisierte Anteil von 20 bis 22% an Kernenergie mit den gegenwärtig vorhandenen Reaktoren ohne Laufzeitverlängerung, bzw. AKW-Neubauten nicht zu erreichen ist!

Bezüglich des Energiemixes will die Regierung zwar bis Ende des Monats einen neuen, überarbeiteten Energieplan vorlegen, der aber aller Wahrscheinlichkeit nach, keine nennenswerten Änderungen mit sich bringen wird.

Im Gegensatz zu Japans Energieplänen, wird der weltweite Anteil an Kernenergie, laut Berechnungen, im Vergleich zu 2016, wo der Anteil noch bei 5,3% lag, bis 2040 auf 3,5% sinken!

 

Hintergrundinformationen:

1) Japanischer Außenminister kritisiert Japans Politik zu erneuerbaren Energien

2) Unterstützung für erneuerbare Energien (Japanmarkt)

3) Warum es den USA nach „Fukushima“, also auch schon zu Zeiten Barack Obamas sehr stark daran gelegen ist, dass Japan NICHT aus der Kernenergie aussteigt, verdeutlicht der immer noch aktuelle Artikel „Die Letzten ihrer Art“ (2015) der Zeit online.

 

Stand: 05/2018