Japan nach Fukushima

 

April 2019

Die Atomanlagen in Aomori

Über eine privat organisierte Tour haben wir, eine Gruppe von 10 Leuten in der Präfektur Aomori, Nordjapan verschiedene Atomanlagen, den US-Luftwaffenstützpunkt Mizawa besucht und mit Insidern gesprochen.

Der im Vergleich zum südlichen Teil der Präfektur Aomori dünner besiedelte nördliche Teil, namens „Shimokita“, der in seiner Form an ein Beil erinnert, ist in der Mitte gerade mal 10 km breit.

Dort befindet sich die Wiederaufbereitungsanlage und Atommüllzwischenlager Rokkasho (1), dessen Standortauswahl nämlich kein Zufall war, sondern genau anhand dieser Kriterien ausgesucht worden ist. Es werden gebrauchte hochradioaktive Brennelemente aus sämtlichen AKWs, auch aus dem tiefsten Süden zwecks Aufbereitung angeliefert und zu noch stärker strahlenden und chemisch hochgiftigen plutoniumhaltigen MOX-Brennelementen verarbeitet. Das ist ein Teil des sogenannten „geschlossenen Brennstoffkreislaufes“, wie es die Regierung nennt, „wo alles wiederverwertet wird“. Was in der Theorie so gut klingt, lässt sich jedoch nicht in die Praxis umsetzen. In einem weiteren Gebäude wird in Zentrifugen Uran angereichert und zu Pellets für neue Brennelemente verarbeitet. Nicht nur schwachradioaktiver, sondern auch hochradioaktiver flüssiger und fester Abfall, zum Teil in Glaskokillen verfüllt und in Beton gegossen, lagert dort in großen Mengen. Eine weitere Anlage zur Wiederaufbereitung und eine Einheit speziell zur Verarbeitung von MOX befindet sich im Bau. Der internationale Fusionsreaktor ITER (2), der nach Wünschen der Regierung ebenfalls in Rokkasho gebaut werden sollte, wird seit 2007 in Frankreich gebaut. Neben der ohnehin schon erhöhten Erdbebengefahr, verlaufen auf dem Gelände der Atomanlage Rokkasho geologische Verwerfungen, die zum Teil seismisch aktiv sind. Eine davon, wovor Geowissenschaftler schon im Jahr 2008 warnten, verläuft zum Teil unterseeisch und erstreckt sich über eine Länge von 100 km. Im März 2011, als sich das große Tohoku-Erdbeben ereignete, kam es auch in Rokkasho zu Störfällen, die durchaus in eine Katastrophe hätten münden können. 

 

Sollte sich in der Atomanlage Rokkasho, mit all dem hochradioaktiven Material, das sich dort befindet, wirklich mal ein schwerer Störfall ereignen, hätte das extreme Auswirkungen mit einer großflächigen radioaktiven Verseuchung. Somit wäre „Shimokita“ nämlich genau das Beil, das uns dann alle erschlagen würde!

Ewa 30 km nördlich der Atomanlage Rokkasho liegt das AKW Higashidori (3). Der erste Reaktor (Tohoku Elektrizitätswerke) wird zurzeit durch die Atomaufsichtsbehörde NRA auf Erfüllung der gesetzlich festgelegten Sicherheitsanforderungen überprüft. Am zweiten, noch nicht fertiggestellten Reaktor (Tepco), herrscht Baustopp. In der Stadt Higashidori, die über ein gutes finanzielles Polster verfügt, steht das neue Rathaus und die ebenfalls neue Stadthalle, beides kunstvoll gestaltete Prachtbauten. Finanziert wurden die Bauten mithilfe der Atomfirmen, die, um die Akzeptanz des AKWs Higashidori und der weiteren Atomanlagen zu „verbessern“, solche Projekte als „Beruhigungspille“ ganz gerne auf den Weg bringen und fördern.

 

Ebenfalls Baustopp herrscht auch am AKW Ōma (4), einem Reaktor, der ausschließlich mit MOX-Brennelementen betrieben werden soll.   

An der Nordküste Shimokitas wird zurzeit eine weitere Wiederaufbereitungsanlage gebaut. Unweit davon befindet sich das Museum des Atomschiffes „Mutsu“ und dessen Heimathafen (5). Die „Mutsu“, nach der Stadt Mutsu benannt, war ein Schiff, das per Kernreaktor angetrieben werden sollte; ein gescheitertes Forschungsprojekt aus den 70gern.

Noch weiter nordwestlich, wo sich der im Bau befindliche Voll-MOX-Reaktor Ōma befindet, steht das „Asako Haus“ (4), das sich quasi auf dem AKW-Gelände nahe am Reaktor befindet. Während die anderen Anwohner für den AKW-Bau verscheucht worden sind, ist Asako, die mittlerweile aber verstorben ist, standhaft geblieben, hat sich nicht vertreiben lassen und das Projekt „Asako Haus“ gegründet, das sich zum Wohle der allgemeinen Gesundheit gegen das AKW Ōma stark macht und für den Erhalt der Heimat kämpft. Heute führt Tochter Atsuko, die in dem Haus lebt, das Projekt weiter. Auch wenn es zwischendurch sehr schwierig und nach Zwangsumsiedlung aussah, konnte sich Atsuko bisher erfolgreich wehren. Wahrscheinlich auch, weil am AKW Ōma für unbestimmte Zeit Baustopp herrscht und der Termin für die geplante Inbetriebnahme schon mehrfach verschoben worden ist. Ursprünglich war 2012 vorgesehen, mittlerweile ist es 2026. Auch am AKW Ōma verlaufen seismisch aktive geologische Verwerfungslinien vor der Küste und unterhalb des Reaktors, so dass der Reaktor von der „weltweit strengsten“ Atomaufsichtsbehörde NRA eigentlich niemals freigegeben dürfte.

Das Asako Haus verfügt über ein großes Grundstück, das komplett mit Stacheldrahtzaun eingezäunt ist. Die Zufahrtsstraße zum Asako Haus ist ebenfalls links und rechts mit einem Stacheldrahtzaun versehen und erinnert an eine Transitstraße aus DDR-Zeiten. Hinter dem Haus steht eine Baumreihe. Dahinter das AKW Ōma und der dazugehörige Hafen. Das noch nicht fertiggebaute Reaktorgebäude ist eingerüstet und mit einer Schutzhülle gegen Witterungseinflüsse versehen. Neben dem Asako Haus ein kleiner Solarpark für die eigene Stromversorgung, so das Atsuko den Reaktor, der bei ihr quasi im Garten steht, ja eigentlich gar nicht braucht!

Als wir im Rahmen unserer Tour dort waren, zeigte uns Atsuko das Grundstück, das sich weitläufig erstreckt. Einige junge Bäume waren mutwillig umgetreten worden. Sie richtet sie dann immer wieder auf und stützt sie ab. „Das passiert hier öfter“, so Atsuko, „das war wahrscheinlich wieder mal einer von denen“ (Atomfirma Dengenkaihatsu).

Ich hatte ihr geraten, auf jeden Fall Anzeige gegen Unbekannt, wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung zu erstatten. Ein anderer aus unserer Gruppe riet ihr ebenfalls zum Anwalt zu gehen. Das Team Asako Haus führt, um die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten regelmäßig Aktionen, wie das „Asako Haus Cafe“ im Garten oder Grillabende durch, so dass auch die Transitstraße von Besuchern frequentiert wird. Im Hauseingang hat sie einen kleinen „Laden“ gebastelt, wo sie handbemalte Stoffbeutel mit „Asako Haus“ und andere Dinge, wie getrockneter Seetang etc. aus der Region verkauft. Denn noch sind die Dinger unbelastet, weil aus dem AKW Ōma ja noch keine Strahlengefahr hervorgeht. Und Atsuko hofft, dass der Regierung das Projekt „Ōma“ irgendwann mal zu teuer wird und endlich aufgibt. . .

Wir haben während der Tour auch mit anderen Insidern gesprochen. So auch mit Herrn Okumoto, der sich ebenfalls gegen den gefährlichen Voll-MOX-Reaktor Ōma stark macht und für den Erhalt seiner Heimat kämpft. Denn neben den ganzen Gefahren, die das AKW Ōma mit sich bringen würde und der Tatsache, dass es für die Stromversorgung sowieso nicht nötig ist, sondern eher andere Interessen verfolgt, würde es auch das Image der Stadt Ōma schwächen. Denn der Thunfisch aus Ōma ist nämlich aufgrund seiner guten Qualität in ganz Japan sehr begehrt, was sich aber schnell ändern könnte, wenn der Voll-MOX-Reaktor mal Probleme macht. . . Nicht nur das! Denn das AKW Ōma würde im laufenden Betrieb ja auch Kühlwasser ins Meer leiten, was sich nicht gerade positiv auf die Wasserqualität auswirken dürfte. . . 

Wir besuchten Frau Keiko Kikugawa, eine ältere Dame aus Rokkasho, die sich schon seit sehr vielen Jahren gegen die Atomanlage Rokkasho stark macht und auch einige Bücher dazu geschrieben hat. Sie hat auch Frau Dr. Junko Endo, die unsere Tour organisiert und begleitet hat, im letzten Jahr tatkräftig unterstützt, als sie bei der Bürgermeisterwahl in Rokkasho kandidierte. Dazu hat sie sogar ihr Haus zur Wahlkampfzentrale umfunktioniert. Gewonnen hatte jedoch leider ein anderer. Denn 60% der etwa 10.000 Einwohner haben nämlich beruflich/geschäftlich mit der Atomindustrie zu tun, bzw. sind davon abhängig. Insgesamt ist Rokkasho eine reiche Stadt. Das kommt dadurch, weil nahezu der gesamte Atommüll aus ganz Japan dort landet und Rokkasho dafür viel Geld bekommt.

Als wenn die ganzen Atomanlagen in Shimokita nicht schon gefährlich genug wären, befindet sich dort auch noch der US-Luftwaffenstützpunkt Mizawa (6), wo lauter kleine Kampfflugzeuge nahe der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho ohne Unterlass mit hohem Tempo ihre Übungsrunden drehen. Der extreme Lärm, den die Flieger verursachen, lässt das alles noch viel bedrohlicher wirken. Was ist denn, wenn so ein Ding mal abstürzt? Vor allem so nah an den Atomanlagen. . .   

Um den Schein zu wahren und die Kernenergie unter dem Deckmäntelchen der geringen CO2-Emission als angeblich klimafreundlich1 zu verkaufen, wird diese geschickt mit der erneuerbaren Energie in „Einklang“ gebracht. So befinden sich ein riesiger Solarpark und einige Windräder direkt neben der Atomanlage Rokkasho.  

Die Landschaft ist zum Teil bergig. Auf einem Berg, der von Mutsu aus gut zu sehen ist, steht ein rundes Gebilde auf der Spitze. Dies ist ein Raketenfrühwarnsystem, das vor allem in Anbetracht der politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen Japan und Nordkorea installiert worden ist.

Bei all diesen Atomanlagen, und jene, die zurzeit noch gebaut werden, fragt man sich nur, ob man aus „Fukushima“ nichts gelernt hat . . . In der Bevölkerung ist die Ablehnung gegenüber der Kernenergie zwar immer noch vorhanden, was von der Regierung jedoch fleißig ignoriert wird. Und die Atomlobby als solche schafft es weiterhin die Leute einzubinden, abhängig zu machen und um den Finger zu wickeln. Beispiele hierfür sind die Kunstbauten in Higashidori oder andere „Förderprojekte“, damit man nicht „nein“ sagen kann (darf). Die Informationszentren der jeweiligen Atomanlagen sind stets sehr anschaulich gestaltet und wissen die Kernenergie gut in ein positives Licht zu rücken. Dazu sind die Info-Zentren sehr kinderfreundlich und bieten auch viel Spannendes zu entdecken für die Kleinen, die ja später mal die Atomwirtschaft weiterführen sollen. Das ist alles im Dienste der Gehirnwäsche!    

 

Die reichhaltige Natur der Stadt Ōma 

Der Boden der Stadt Ōma, wo sich das Asako Haus befindet, ist reichhaltig und fruchtbar, so das Pflanzen gut gedeihen. Um die Heimat „Shimokita“ zu schützen, und das Meer vor weiteren Schäden zu bewahren, setzt das Team „Asako Haus“ alles daran, dass das AKW Ōma, das ausschließlich mit plutoniumhaltigen MOX-Brennelementen betrieben werden soll, niemals fertiggestellt wird. Denn auch ohne Zwischenfall würde das AKW Ōma im regulären Leistungsbetrieb, wenn auch „nur“ in geringen Mengen, Tag für Tag Radioaktivität in die Luft emittieren und ins Meer ableiten.

In ihrem „Miniladen“ verkauft Atsuko getrocknete Pflanzen, bzw. Seetang aus der Region. Die Aufschrift auf der Packung mahnt: „Das ist der Seetang, den man in der Stadt Ōma, Präfektur Aomori noch „ernten“ kann. Ich tue mein Bestes, damit diese schöne reichhaltige Natur nicht verloren geht. Dieser Seetang heißt „Hijigi“. Hergestellt durch das Asako Haus.“

 

Weiterführende Info:

1) Warum die Kernenergie absolut nicht klimafreundlich ist:

Ein Bericht des Österreichischen Ökologie-Institutes