Sicherheit in den AKWs kindgerecht erklärt

 

Mai 2020

„Sicherheit in den AKWs kindgerecht erklärt“

Gehirnwäsche an den Info-Zentren der AKWs

Nicht nur in Japan, sondern auch in allen anderen atomkraftbetreibenden Ländern wird die Nutzung der Kernenergie als „weitgehend gefahrlos“ und als „umweltschonend“ dargestellt. Der Betrieb eines AKWs läuft ebenfalls „stets reibungslos“ ab, so die Befürworter. Und sollte es doch einmal zu einem Störfall kommen, fährt der Reaktor natürlich rechtzeitig herunter, so dass „nichts passiert“. So wird es zum Beispiel im Informationszentrum am AKW Ikata erklärt, wo man in einer Animation (Video mit deutschen Untertiteln s.u.) zur Frage „Was passiert mit dem AKW Ikata, wenn es zu einem starken Erdbeben, Tsunami, oder einer weiteren Naturkatastrophe kommt,“ zwischen drei Antworten die angeblich „richtige“ auswählen soll.

Zudem ist die Anlage natürlich mehrfach „abgesichert“. Also wenn eine „wichtige“ Pumpe ausfällt, springt sofort eine weitere an usw., so die kindgerechte Erklärung der Atombefürworter.

Für Kinder klingt das plausibel und sie sind fasziniert davon, wieviel Energie mit einem einzigen kleinen Uranpellet erzeugt werden kann. . .

So erklärt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit in ihrem Artikel „Sicherheit von Kernkraftwerken" ganz „kindgerecht“ die Nutzung der Kernenergie. Das japanische Ministerium für Erziehung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (MEXT) und die Agentur für nationale Ressourcen und Energie (eine Sektion des Wirtschaftsministeriums) hat zum Thema Kernkraft das „nett illustrierte Arbeitsheft“ „wakuwaku Genshiryoku Lando“ (Das Land der spannenden Kernkraft“) für Grundschulkinder erstellt.

Während in Deutschland, wo die Nutzung der Kernenergie Ende 2022 beendet werden soll, die Informationszentren der AKWs seit längeren schon geschlossen sind, wird in Japan noch weiter fleißig „informiert“, wobei Kinder, also die Erwachsenen von Morgen, mit kindgerechten Animationen besonders stark ins Gebet genommen werden. Auch für die Reaktorkatastrophe in Fukushima haben die jeweiligen Betreiber eine Ausrede parat. So zeigt der Atomkonzern JAPC in einer Infobroschüre für Kinder, wie „sicher“ das AKW Tokai 2 ist, und dass aufgrund der höheren Tsunamimauer und verbessertem Erdbebenschutz „solch ein schlimmer Unfall“ wie in Fukushima in Tokai „nicht passieren kann“. Dazu gibt es im „Tera Park“, dem Informationszentrum am AKW Tokai 2 eine „atomare“ Spielecke, wo die Kinder noch etwas „dazulernen“ können. Um die Aufmerksamkeit nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Erwachsenen zu erhöhen, bekommt jeder Tera Park-Besucher einen Bogen mit Fragen zum AKW Tokai und zur Kernenergie, dessen Antwort man erfährt, wenn man die einzelnen Informationen der Ausstellungsstücke und Infotafeln aufmerksam liest. Verlockend klingt die mit Spannung erwartete „Überraschung“, die man am Ende erhält, wenn man die Fragen richtig beantwortet hat.

Im „Tonttu Village“, dem Info-Zentrum des AKWs Higashidori werden die verschiedenen Arten der Energieerzeugung in den „spannenden“ Themenecken erklärt, und die Atomkraft als „wichtigen Energielieferanten“ ganz nebenbei geschickt mit eingeflochten.

Am AKW Fukushima Daiichi, „wo es schon passiert ist“, wird die abgelaufene Erdbeben- und Tsunamikatastrophe von März 2011 als „unvorhersehbar“ dargestellt. Und der Betreiber Tepco informiert seit 2018 im „Decommissioning Archive Center Tomioka“ (10 km südlich vom havarierten AKW Fukushima Daiichi) über den „sicheren Rückbau“ der Anlage. Auch für das Problem mit dem radioaktiven Wasser, das in großen Tanks auf dem Gelände lagert, gibt es natürlich schon eine „Lösung“ – nämlich die Verklappung ins Meer, was man natürlich nicht „so deutlich“ sagen mochte, wie ich es im April 2019 live erlebte, als ich im Decommissioning Archive Center mit einem Tepco-Mitarbeiter sprach, der erst einmal 10 Minuten „um den heißen Brei“ redete, ohne eine konkrete Antwort zu geben. . .  

Im Infozentrum der Wiederaufbereitungsanlage und Atommüllzwischenlager Rokkasho „erfährt man ganz anschaulich“, wie der sogenannte „geschlossene“ Brennstoffkreislauf funktioniert und der Atommüll „sicher“ zwischengelagert wird. Im „geschlossenen“ Brennstoffkreislauf werden die gebrauchten Brennelemente zur Wiederverwertung aufbereitet, und das klappt auch alles sehr gut – so die Theorie der Befürworter. Dass die zu MOX (i.d.R. mit Plutonium) „aufbereiteten“ Brennelemente anschließend noch radioaktiver und chemisch noch giftiger und somit noch problematischer sind, wird dabei nicht erwähnt. Über die vielen radioaktiven Abfallstoffe, die beim Aufbereitungsprozess anfallen, sowie das radioaktive Abwasser, dass, genauso wie in La Hague ins Meer geleitet wird, wird im Info-Zentrum Rokkasho nicht gesprochen. Dazu gibt es auch keine Infotafeln, wie wir bei unserer Besichtigung im April 2019 festgestellt haben.

An zwei ausgestellten Brennelementmodellen, einmal für den Druck- und einmal für den Siedewasserreaktor, ist ein Schild mit der Aufschrift befestigt „Bitte nicht anheben oder sich draufsetzen, da gefährlich“. Als ich das las, musste ich schmunzeln, denn da würde man sich ja schon aus „ethischen“ Gründen nicht draufsetzen, da Brennelemente ja grundsätzlich gefährlich sind . . . Brennelemente zum Anfassen, alles ganz anschaulich und harmlos wirkend, auf zwei da hinter hängenden Tafeln ganz sachlich erklärt.

Das Informationszentrum liegt auf einer Anhöhe. Vom Obergeschoss aus sieht man im Panoramablick die gesamte Atomanlage von Rokkasho und die ländliche Umgebung, wo sich auch ein Windenergiepark befindet.

Es sind reichlich atombefürwortende Videos und Info-Heftchen im Umlauf, die die Nutzung der der „sauberen, emissionsfreien“ Kernenergie „erklären“. So auch die kostenfreie Zeitschrift „原気“ (Genki), die stets in den Atominfo-Zentren ausliegt. Hier fällt auf, dass das erste Schriftzeichen „Gen“(元) für das Wort „Genki“ (Gesundheit) gegen das Schriftzeichen „Gen“ (原) für „Genshiryoku“ (Atomkraft) ausgetauscht worden ist. Hiermit will man sagen, das mit Atomkraft alles „Genki“ (gesund, bzw. in Ordnung) ist, bzw. die Nutzung der Kernenergie „unbedenklich, also gesundheitlich vertretbar“ ist.

In einem Video für Kinder (japanisch) wird das Plutonium verherrlicht. Der kleine Pu-Kun sieht, wie Plutonium als Kernwaffe eingesetzt wird, was er absolut nicht gut findet. Da man das Plutonium aber nicht einfach so „wegschmeißen“ kann, ist er etwas bedrückt und fragt sich, was man nun damit machen soll. Um so erfreuter ist er als er erfährt, dass die Atomkraft, in diesem Fall das Plutonium nicht nur militärisch, sondern auch „friedlich“, sprich zur Energiegewinnung genutzt werden kann. Zu den Gefahren, insbesondere des Plutoniums, wird in Video, außer dass man wegen der Radioaktivität „ein bisschen aufpassen“ muss, nicht viel gesagt. Es wird jedoch betont, dass die AKW-Betreiber damit „ganz besonders vorsichtig“ umgehen, so das überhaupt „nichts passieren kann“.

Die Kinder (auch viele Erwachsene) glauben das erst einmal und hinterfragen es nicht, was sich die Atombefürworter in ihrem „Lehrmaterial“ natürlich zu Nutzen machen.

 

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