Stimmen aus Fukushima und landesweit

 

 November 2017 

„Fukushima-Reportage“ – Die Umweltjournalistin Yoko Kawasaki berichtet

Die Umweltjournalistin Yoko Kawasaki bereiste die Region um das havarierte AKW Fukushima Daiichi. Sie sprach mit vielen Opfern, die nun seit über 6 Jahre mit der Reaktorkatastrophe leben, sich mit dem Folgen der radioaktiven Verseuchung arrangieren müssen und mithilfe ihrer Unterstützer um ihre Rechte kämpfen.

 

Ein Vortrag von Yoko Kawasaki am 17.11.2017 in Düsseldorf

Nach einer kurzen Einleitung spricht Frau Kawasaki von Strahlenflüchtlingen, die aufgrund fehlender Alternativen in der Präfektur Fukushima verbleiben mussten und sich nun um ihre Gesundheit, bzw. um die Gesundheit ihrer Kinder sorgen. Dazu stellt sie noch ein entsprechendes Büchlein1vor (s. unten).

In Tokyo sprach sie ebenfalls, z.B. auf Konferenzen mit einigen Strahlenopfern, die aus der Präfektur Fukushima geflüchtet sind.

Die Städte Kōriyama, Präfektur Fukushima und Fukushima City, sowie zahlreiche Ortschaften in, bzw. nahe der Evakuierungszone besuchte sie ebenfalls und sprach mit Betroffenen der Dreifachkatastrophe.

Bezüglich der Zustände in Fukushima berichtet Frau Kawasaki über die Art und Weise, wie die Regierung, der Stromkonzern Tepco und die Präfekturverwaltung mit den Problemen der radioaktiven Verseuchung und der betroffenen Bevölkerung umgehen. 

Die Gefahren der Radioaktivität werden klein geredet. Nicht nur mit Plakaten, die in der Öffentlichkeit überall zu finden sind, sondern auch durch Videos, die verschiedene Orte in Japan vorstellen, z.B. „Happy Fukushima“2 auf Youtube. Es wird versucht, der lokalen Bevölkerung die „Angst vor der Radioaktivität zu nehmen“, indem die Gefahren in „anschaulicher“ Art und Weise verharmlost werden. Dazu kommen noch mit Sprüchen versehende, große aufgeblasene Figuren mit langen Ohren, die niedlich erscheinen sollen, wie sie z.B. im Fukushima Hauptbahnhof zu finden sind. Diese sollen Heiterkeit vermitteln . . .

Die Früchte und der Reis aus der Präfektur werden ebenfalls als besonders delikat überall angepriesen. Die Plakate mit den Schriftzügen „うまいぜ“ („lecker“, „wohlschmeckend“) weisen natürlich auch auf die angeblich „gefahrlose Verzehrbarkeit“ der Früchte hin.

Frau Kawasaki berichtet auch von zwei großen Gastanks, die sich direkt neben der Shinkansenbahnstrecke, nahe des Hauptbahnhof Fukushima befinden. Auf diesen Gastanks sind nämlich ebenfalls zwei drei saftig, gesund aussehende Pfirsiche abgebildet, die zeigen sollen, wie gut die Qualität der Früchte aus Fukushima ist. Kurz um: Das Essen aus der Region wird als „o.k.“ deklariert. 

Bei all diesen „Kampagnen“ bleiben sogar die Kinder nicht verschont, die werden gnadenlos mit einbezogen. So auch in Bilderbastelgruppen für Kinder, bei denen die Gefahren der Radioaktivität auf spielerischer Weise verharmlost werden. Die bevorstehende Olympia 2020 wird ebenfalls mit einbezogen. Teile davon sollen sogar in Fukushima ausgetragen werden!

Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Denn die weiterhin erhöhte Radioaktivität ist nämlich alles andere als harmlos! Hier und dort sind radioaktive Hotspots zu finden. Entweder in der Landschaft, oder in der Stadt; außerhalb der Sperrzone wohl gemerkt! Auch die Bodenproben bereits dekontaminierter und wieder freigegebener Gebiete weisen hohe Strahlenwerte von bis zu 40.000Bq/kg auf.

Frau Kawasaki berichtet von den Gerichtsklagen auf Schadensersatz von Flüchtlingen aus der Sperrzone und den „freiwillig“ Geflüchteten, die ihre verstrahlte Heimat verlassen mussten. Dazu laufen zahlreiche Gerichtsprozesse. Tepco, der Stromkonzern, der das AKW Fukushima Daiichi zu verantworten hat und die Regierung zeigen sich jedoch sehr hartnäckig und schieben die Verantwortung hin und her. 

Erschwerend hinzu kommt noch, dass die „freiwillig“ Geflüchteten, da ihr Wohnort außerhalb der offiziellen Evakuierungszone liegt, laut den Behörden keinen Anspruch auf Entschädigung haben. Das aber auch dort ein dauerhafter Aufenthalt aufgrund der radiologischen Situation gesundheitlich nicht vertretbar ist, interessiert die Regierung jedoch nicht. Mit anderen Worten: „Wer seine Heimat ohne behördlichen Evakuierungsbefehl verlassen hat, hat auch keinen Anspruch auf eine Entschädigungszahlung“.

Mit Informationen und Hilfen bezüglich der erhöhten Radioaktivität und der damit verbundenen Gefahren in den Ortschaften außerhalb der Evakuierungszone sind die Behörden ebenfalls sehr zurückhaltend. Probleme werden „behoben“, indem sie einfach totgeschwiegen werden; so will es die Regierung. 

In der Stadt Iwaki, 40km südlich vom AKW Fukushima Daiichi, hatte man, getreu dem Motto „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, erst gar nicht „so viel“ gemessen. Somit ist die radioaktive Strahlung laut der Regierung auch nicht „so hoch“.

Es ist aber sehr wohl bedenklich! Die Strahlung ist, wie eigene Messungen zeigen, sehr wohl erhöht! Hier und dort sind sogar Hotspots vorhanden, mitten in Iwaki!

Besorgte Mütter aus Tarachine haben sich zu einer Gruppe formiert, die an sämtlichen Schulen der Stadt regelmäßig die Strahlung misst. Auch die Gruppe „Hotspotfinder“, die flächendeckend Messungen durchführt und gezielt nach Hotspots sucht, ist dadurch entstanden, weil man den offiziellen Angaben, wie sich gezeigt hat, nämlich nicht trauen kann.

Die zahllosen schwarzen Säcke, die überall in der Landschaft und mitten in der Stadt herumstehen, sind das „Ergebnis“ der Flächendekontamination. Mit diesen Maßnahmen sollen radioaktiv verseuchte Gebiete wieder bewohnbar gemacht werden, so die Pläne der Regierung. Bis September 2016 lagen die Kosten für die Flächendekontamination schon bei 340 Mrd. Euro.

Hinter dem Bahnhof der Küstenortschaft Tomioka, 5 km südlich vom AKW Fukushima Daiichi, ist mittlerweile ein riesiges Zwischenlager mit zahllosen schwarzen Säcken entstanden.  

Etwas, was ebenfalls sehr bizarr ist, ist das „Zentrum für Revitalisierung“, eine behördliche Einrichtung, die ihren Sitz in Fukushima City hat. Das „Zentrum für Revitalisierung“ ist nicht nur für die Wiedernutzbarmachung radioaktiv verseuchter Gebiete nach einer Flächendekontamination zuständig, sondern auch für Schaffung einer Infrastruktur und die „Rückführung“ ehemaliger Einwohner in die verstrahlten Heimatorte. Kurz um: Man will Normalität walten lassen, die Reaktorkatastrophe Vergangenheit sein lassen . . .   

Ein paar geflüchtete Anwohner aus Namie, mit denen Frau Kawasaki gesprochen hat, hatten die Strahlung an ihrem Haus gemessen, die natürlich weiterhin hoch ist. Namie befindet sich in direkter Nachbarschaft zum AKW Fukushima Daiichi, und soll ebenfalls „revitalisiert“ werden . . . In Kawauchi, 23 km westlich vom AKW Fukushima Daiichi begegnet man dem Problem mit Durchhalteparolen, die in einer öffentlichen Einrichtung an der Wand hängen. 

Hohe Strahlenwerte sind auch in Ortschaften zu finden, die 60 bis 70 km vom AKW entfernt liegen.

Nicht nur in der Nähe der vielen Zwischenlager mit den schwarzen Säcken, sondern auch in Parkanlagen, die sich mitten in der Stadt befinden, ist die Strahlung zum Teil bedenklich hoch. Das zeigen eigene Messungen, die von Anwohnern durchgeführt worden sind.

Hierbei stellte sich allerdings auch heraus, dass einige Geiger-zähler, die in Japan hergestellt worden sind, niedrigere Werte anzeigen, als die Geräte anderer Hersteller aus anderen Ländern! Dazu führten privat organisierte Gruppen Vergleichsmessungen durch, die das alles ganz genau belegen konnten. Die fest installierten Messsonden, die überall zu finden sind, sind, wie man schon frühzeitig feststellte, ebenfalls getürkt und zeigen teilweise nur die Hälfte des realen Strahlenwertes an.

Weitere Zwischenlager mit schwarzen Säcken überall, auch mitten in den Ortschaften! Ganz unscheinbar in einer grünen Leichtbauhalle, die sich direkt hinter dem Parkplatz eines großen Einkaufszentrums befindet . . .

Abschließend berichtet Frau Kawasaki von TV-Sendungen, die über Radioaktivität „aufklären“, um die Leute zu „beruhigen“. Sie zeigt den Ausschnitt einer Sendung von 2017, worin eine Karte mit Strahlenwerten im Fernsehen gezeigt, und „ganz normal“, wie der Wetterbericht kommentiert worden ist.

Ein Plakat von Ruiko Mutou, der Sprecherin der „Klägergruppe gegen TEPCO“, einer Widerstandsgruppe, dass uns Frau Kawasaki noch zeigt, trägt die Aufschrift „自分の頭で考えよう“! (Lasst uns mit dem eigenenKopf denken!).

 

Weiterführende Infos:

1) Seeking Safety: Speeches, Letters and Memoirs by Evacuees from the 2011 Fukushima Daiichi Nuclear Desaster, ein Büchlein, der Organisation „The Great East Japan Earthquake & Nuclear Disaster Association” (Red kimono booklets). 

6 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima schildern die Strahlenopfer ihr Schicksal mit Evakuierung und den Kampf um ihre Rechte, sowie den Existenzschwierigkeiten. . . Geschichten, die im o.g. Büchlein in englischer Sprache zusammengefasst sind.

2) Video „Happy Fukushima" von Pharrell Williams 

Bildquelle: Screenshot während des Vortrags durch Petra Alt. Alle Originalbilder von Yoko Kawasaki.  

 

April 2017

Videobotschaft von Kenji Higuchi

Anlässlich des 6. Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Fukushima und des 31. Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, der weiterhin bestehenden Gefahren durch AKWs, sowie weiterer Atomanlagen übermittelt der Fotojournalist Kenji Higuchi aus Tokyo eine Videobotschaft, in der er auf die weiter anhaltenden Folgen und Gefahren in Fukushima hinweist und vor den Weiterbetrieb der Atomkraft warnt. Zur Videobotschaft

                                                                                          

 

März 2017

Zum Fukushima-Jahrestag im März 2017 besuchte Kenji Higuchi Düsseldorf und hielt am Ökotop in Düsseldorf-Heerdt einen sehr interessanten Vortrag über seine jahrelang durchgeführten fotojournalistische Arbeit und der gegenwärtigen Atompolitik in Japan.  

 

Vortrag von Kenji Higuchi – Das Schicksal der AKW-Arbeiter

In diesem Vortrag erhält der Besucher einen Eindruck aus erster Hand über die gefährlichen Arbeiten im AKW und die gesundheitlichen Folgen, die die AKW-Arbeiter aufgrund der radioaktiven Belastung davontragen. Die schlechten Bedingungen, der fehlende Arbeitsschutz, Unterbezahlung und Diskriminierung der Arbeiter kommt darin zum Tragen. AKW-Arbeiter, die nicht nur von der Regierung im Stich gelassen werden, sondern auch in der Bevölkerung ganz unten sind . . . AKW-Arbeiter, die die Drecksarbeit für die sogenannte „saubere“ Energie machen und dabei rücksichtslos verheizt werden. 

Der mittlerweile 80jährige Fotojournalist Kenji Higuchi fotografierte und interviewte über 40 Jahre lang AKW-Arbeiter und dokumentierte die Machenschaften der betreibenden Stromkonzerne. Die Arbeiter, die neben der gefährlichen und strahlenbelastenden Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen ausgebeutet werden, erkranken an den Folgen der hohen Radioaktivität.

Das machte sich u.a. in Form von Müdigkeit, Haarausfall bis hin zur Leukämie bemerkbar. Einen Zusammenhang der beruflichen Tätigkeit im AKW mit den Erkrankungen, die in Folge der radioaktiven Belastung auftraten, wurde von den Behörden nicht anerkannt. Einige der ehemaligen Arbeiter klagten vor Gericht, jedoch oft erfolglos.

Zum Schicksal der Arbeiter, die in Folge der Verstrahlung erkrankten, von der Gesellschaft diskriminiert und vergessen werden, den Wanderarbeiter, oft Obdachlose, die von AKW zu AKW ziehen, hat Kenji Higuchi schon viele hochinteressante Bücher geschrieben. 

Kenji Higuchi berichtet u.a. vom Zwischenfall in Tokaimura (1999), bei dem 3 Arbeiter verstrahlt worden sind, als diese in der Brennelementefabrik JCO eine hochradioaktive Uranlösung umgefüllt hatten. Der Tod einer der Arbeiter zog sich über qualvolle 83 Tage hinweg.

Er berichtet nun von seiner fotojournalistischen Arbeit, die er über 40 Jahre durchführte und stellt dazu ein paar Schicksale ehemaliger AKW-Arbeiter vor, die er mit seinen Bildern dokumentiert hat.

Schätzungsweise wurden in Japan im Laufe der Jahre etwa 620.000 Arbeiter in den AKWs und weiteren Atomanlagen einer hohen radioaktiven Belastung ausgesetzt.

Er nimmt Bezug auf den 1. und 2. Weltkrieg, der von japanischen, bzw. von deutschen Boden ausging, den Einsatz von Chemie- und Atomwaffen und kommt zu dem Schluss, dass Deutschland im Gegensatz zu Japan aus dem verlorenen Weltkrieg gelernt hat. Er lobt Deutschland für den geplanten Atomausstieg bis 2020, der infolge der Reaktorkatastrophe von Fukushima beschlossen worden ist, während Japan trotz fehlender Notwendigkeit und der bereits eingetretenen Folgen weiter an der Kernenergie festhält.

Bis zur Reaktorkatastrophe 2011 war die Atomkraft ein riesiges Profitgeschäft, aber jetzt steckt Japans Atomwirtschaft in der Krise.

Er zeigt das Bild eines Arbeiters, der vor Gericht auf Entschädigung klagte. Er war das erste Opfer der „friedlichen Nutzung der Kernenergie“.

Kenji Higuchi ist seiner Zeit der erste Fotojournalist gewesen, der es sich „gewagt hat“ AKW-Arbeiter zu fotografieren und zu interviewen. Damit hatte er ein gesellschaftliches Tabuthema öffentlich gemacht. 2001 wurde er sogar dafür mit dem Nuclear-Free Future Award Preis ausgezeichnet.    

Er berichtet von Arbeitern, die 1974 am AKW Tsuruga bei Wartungsarbeiten mit 300°C heißen radioaktiven Dampf verbrüht worden sind.

Ein überlebendes Opfer klagte gegen den Staat, bis zum obersten Landgericht, jedoch erfolglos. Ausländische Medien berichteten über den Unfall, aber nicht die Japanischen – Es wurde einfach totgeschwiegen.  

Dazu merkt Higuchi an, „wer in Japan spurt, der hat gute Karrierechancen“, aber wehe man tanzt aus der Reihe und entspricht nicht der harmonischen Norm. Denn dann ist man nämlich unten durch! Dazu gehören nämlich auch die 4 Mio. „Burakumin“, die „Herausgefallenen“. Das ist eine Minderheit in Japan, die schmutzige und gefährliche Arbeiten verrichtet, die kein anderer machen will und dazu auch noch diskriminiert wird. Eine Minderheit, um die sich auch der Staat nicht kümmert. Die bereits verstrahlten Arbeiter wurden sogar in separate Dörfer abgeschottet . . .

Die Arbeiter verfügten oft nur über eine unzureichende Schulbildung, gingen nur bis zur Oberschule, hatten keine andere Perspektive. Durch die „heißen Jobs“ im AKW traten bald die ersten gesundheitlichen Schäden, die durch die hohe Strahlenexposition verursacht worden sind auf. Erste Symptome waren meist Müdigkeit und Kopfschmerzen. Weitere Symptome wie Haarausfall und Zahnverlust traten ebenfalls auf – bis hin zu Leukämie und weiteren Krebserkrankungen. Das alles ist verbunden mit hohen Arztkosten, die für einen obdachlosen Wanderarbeiter quasi unerschwinglich sind. Viele der verstrahlten ehemaligen AKW-Arbeiter sind mittlerweile dauerhaft arbeitsunfähig.

Auf dem nächsten Bild zeigt Higuchi das AKW Mihama, als es sich noch im Bau befand. Es liegt in einer Bucht. Auf dem nachfolgenden Bild der gegenüberliegende Badestrand in der Bucht, der sehr gut besucht ist. Im Wasser sind zahlreiche Leute, auch viele Kinder, die Spaß haben. Im Hintergrund ist mahnend das nahe gelegene AKW Mihama sehr gut zu sehen. Dieser Anblick entfacht im Ausland heftige Diskussionen. In Japan hingegen wird das einfach so hingenommen, bzw. nichts gesagt.

Der erste schwerwiegende Unfall am AKW Mihama lässt nicht lange auf sich warten. Bei diesem Unfall wurden mehrere Arbeiter mit 400°C heißen radioaktiven Wasser verbrüht und verstrahlt, als es plötzlich ausgetreten ist. Eine geborstene Rohrleitung, dessen Wandstärke durch Abnutzung stark ausgedünnt war, war der Auslöser für diesen verheerenden Unfall, bei dem 5 Leute ums Leben gekommen sind.

Die Rohrleitungen wurden nie kontrolliert, so dass die Abnahme der Wandstärke nicht bemerkt worden ist.   

Das sind nur einige Beispiele von vielen, die die vielen Sicherheitsmängel an den japanischen AKWs widerspiegeln. In der Werbung für Kernenergie wird gerne der Kontrollraum des AKWs gezeigt, wo die „Elite“ sitzt und die Hochleistungstechnologie zur Energiegewinnung in den Vordergrund stellt. Das ist immer PR-wirksam, wie ein weiteres Bild von Higuchi dokumentiert.

Bezüglich der Reaktorkatastrophe von Fukushima berichtet Higuchi, dass das AKW laut dem Betreiber Tepco nur für eine Erdbebenstärke bis 7,8 ausgerichtet war (wenn überhaupt!). Das Tohoku-Erdbeben von März 2011 erreichte sogar eine Stärke von 9,0! Und während anfänglich etwa 3000 Arbeiter pro Tag am havarierten AKW Fukushima dai ichi nötig waren, sind es mittlerweile 7000. 

Er besuchte die verstrahlten Dörfer, verbliebene Kühe auf der Weide, Strahlung 17µSv/h . . .    

 Von den Geflüchteten leben viele noch in Behelfsunterkünften, werden von Staat alleine gelassen und zu allem Überfluss wird ab Ende März 2017 auch noch das Wohngeld gestrichen . . .

Abschließend berichtet er noch über die „Giftgasinsel Ōkunoshima“, auf der im 2. Weltkrieg unter strenger Geheimhaltung chemische Kampfstoffe hergestellt worden sind. Dazu wurden sogar schulpflichtige Jugendlich rekrutiert. Die Arbeiter erkrankten hinterher in Folge der Giftstoffe, die dort verarbeitet worden sind. 

Um die Sache besser vertuschen zu können, wurden die erkrankten Arbeiter verdeckt gehalten und die Insel Ōkunoshima von der Landkarte gestrichen, als sei sie garnicht existent.

Higuchi erläutert das „Pinhane-Prinzip“ anhand einer Grafik. Das beinhaltet die Ausbeutung von Arbeitern/Hilfsarbeitern/Tagelöhnern für niedrige und gefährliche Arbeiten durch schlecht zahlende Subunternehmer, die ihrerseits weitere (mehrere) Subunternehmer beschäftigen. Alle machen ihren Reibach und auf der Strecke bleibt der Arbeiter, der mit wenig Geld und einer hohen Dosis Strahlung „entlohnt“ wird.

Eine gesetzliche Regelung zum Schutz der Arbeiter gibt es im Grunde genommen gar nicht. Einhaltung von Arbeitsschutz- Unfallverhütungsvorschriften – Fehlanzeige! Statt einer Unterstützung oder Hilfe im Krankheitsfall werden sie diskriminiert und von der Gesellschaft verstoßen, die „Burakumin“.

Er kommt zu dem Fazit: „Nicht der Atomkrieg, sondern das AKW wird die Menschen vernichten“.  

Videos (Englisch/Japanisch) zu Higuchis Recherche und Interviews mit AKW-Arbeitern:

日本の隠された #放射能 #被曝 労働者Hidden #Radiation Exposed #Nuke PlantWorker 1 bis 3: Zu den Videos

Buchtipp zu JCO-Unfall in Tokaimura von 1999: 83 Tage

       

Januar 2015

Eine weitere AKW-Baustelle, für die Natur und Leben geopfert werden soll:

Iwaishima – Schützt unsere Heimat!

Trotz Reaktorkatastrophe im eigenen Lande und der Tatsache, dass die Stromversorgung in Japan auch ohne Kernkraft problemlos gewährleistet ist, soll Mitten in einer idyllischen Inselgruppe ein AKW, das AKW Kaminoseki, bestehend aus zwei Siedewasserreaktoren errichtet werden.

Die herzförmige Insel Iwaishima, 500 EW, Präfektur Yamaguchi in Südjapan, gehört zu einer idyllischen Inselgruppe, die sich zwischen der ersten Hauptinsel Honshu und einer weiteren der vier Hauptinseln, nämlich der Insel Shikoku befindet.

Hier ist ein Paradies für Fische und weitere Meereslebewesen, wo man auch seltene Vögel bewundern kann. Untermalt ist die Idylle mit einer üppigen Vegetation, in der man die Natur genießt und Ruhe findet. Die vielen schönen Strände und Buchten laden ebenfalls zur Erholung ein und bieten im Sommer einen hervorragenden Badespaß für Groß und Klein.

 

 

 

Bd. Bilder: Flyer mit Hintergrundinformationen und Skizze der Inseln, dem geplanten AKW-Standort und Infos zu den Vögeln und Meereslebewesen in der Region.

 

Allerdings wird diese harmonische Idylle und der Frieden in der Region durch das geplante AKW Kaminoseki stark beeinträchtigt. Die Bürger von Iwaishima und die restlichen Inselbewohner sorgen sich um ihre geliebte Heimat, der nun Gefahr droht.

In der Bucht von Tanoura auf der Nachbarinsel Nagashima, auf der sich auch der Ort Kaminoseki befindet wurden schon 1982 erste Pläne für den Bau eines AKWs geschmiedet. Der zukünftige Betreiber ist der örtliche Stromkonzern, die Elektrizitätswerke Chukoku (Chukokudenryoku). Gefördert wird das Projekt durch die atombefürwortende Energiebehörde und der Regierung.

Schon damals wehrten sich die örtlichen Fischer gegen den AKW-Bau und wiesen auf die negativen Auswirkungen auf die Meeresvegetation und den Verlust ihrer Heimat im Falle einer Reaktorkatastrophe hin. Es gab erste Protestkundgebungen und auf der Insel Iwaishima bildeten engagierte Bürger die Gruppe „Shimabito“ (Inselbewohner). Weitere Gruppierungen folgten und alle haben sie ein gemeinsames Ziel: Die Heimat schützen, indem der Bau des AKWs Kaminoseki verhindert wird.

Die nur 3,5 km weit entfernte Bucht von Tanoura (vorne in Bild) ist in Sichtweite von Iwaishima (hinten) (Bild: Ausschnitt der Hompage der örtlichen Energiebehörde) 

Denn auch nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hielt man weiter an den Projekt fest. Der Tsunami von Indonesien Weihnachten 2004 hätte ebenfalls eine Warnung sein sollen, zumal sich Japan auf vier tektonischen Platten befindet, die sich laufend verschieben. Die Erdbebengefahr ist ebenfalls ein Thema in Japan, was man nicht außer Acht lassen darf!

Das AKW Kaminoseki wäre, wie sich am AKW Fukushima dai ichi bereits zeigte, eine tickende Zeitbombe! Und das nicht nur für die Inselgruppe in der Präfektur Yamaguchi.

In der Bucht, wo das AKW geplant ist begannen 2009 die ersten Vorbereitungen der Baustelle. Bäume wurden gefällt und Berggestein abgetragen, damit eine ebene Fläche entsteht. Vor der Küste begann man schon, zwecks Landgewinnung Sand auf zu schütten.

Ursprünglichen Planungen zur Folge sollte der erste Reaktor, eine „verbesserte“ Form des Siedewasserreaktors mit einer Leistung von 1,3 MW 2015 ans Netz gehen. Die Inbetriebnahme des zweiten Reaktors, ebenfalls eine „verbesserte“ Form des Siedewasserreaktors mit einer Leistung von 1,3 MW war für 2018 geplant. (Je nach Quelle gibt es unterschiedliche Angaben über die geplante Inbetriebnahme der beiden Reaktoren.)

Seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 ruhen die Bauarbeiten nur, aufgegeben wurde das Projekt jedoch nicht. Im Gegenteil, die Regierung befürwortet den Bau sogar.

Bisher wurde „nur“ das Gelände vorbereitet. Die Aufschüttarbeiten zur Landgewinnung sind auch noch nicht abgeschlossen.

Jetzt, wo der eigentliche Bau noch nicht begonnen hat, ist eine weitgehend gute Schadensbegrenzung noch möglich.

Getreu dem Motto: „Wehret den Anfängen“ sind nicht nur die Inselbewohner bestrebt ihre Heimat vor Gefahren und Unheil zu schützen. Auch in der landesweiten Bevölkerung zeigt sich seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima eine starke Anti-AKW-Bewegung, der wir es zu verdanken haben, dass Japan nun schon seit über einem Jahr ohne Atomstrom ist (01/2015). 

Mit den 54 Reaktoren im Land wurde früher Strom im Überschuss produziert. Der Überschuss wurde dann einfach als Wärmeenergie ins Meer abgegeben. Und dann sollen noch weitere AKWs für die kommerzielle Stromerzeugung gebaut werden?? Mögliche Pläne für die militärische Nutzung werden jedoch von offizieller Seite abgestritten.

Die Wiederwahl von Shinzo Abe (Unterhauswahl 12/2014) war mit Sicherheit kein „ja“ zur Rückkehr in die Atomkraft, sondern mehr oder weniger eine Verzweiflungstat, da es ja quasi keine Alternativen gab, die man hätte wählen können. Denn über 80% der Bevölkerung sprechen sich weiterhin gegen die Wiederinbetriebnahme der AKWs aus und befürworten den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Hier geht es zur Homepage der Bürgerinitiative Shimabito mit weiteren Informationen zur Insel Iwaishima, dem geplanten AKW Kaminoseki und die damit verbundenen Folgen für die Natur.

Siehe dazu auch den Infoflyer englisch und Infoflyer japanisch.

Die unabhängig arbeitende CNIC (Citizens Nuclear Informations Center), die über alle nuklearen Themen informiert, hat hier ein paar Hintergrundinfos zum geplanten AKW Kaminoseki und dessen Probleme zusammengestellt.

 

November 2014

Neubauprojekt: AKW Ōma, ein Voll-MOX-Reaktor

Asako Haus, für den AKW-Neubau aus der Heimat vertrieben

Trotz der Reaktorkatastrophe von 2011 will Japans Regierung weiter an der Atomkraft festhalten und sogar noch weitere AKWs bauen. Von den geplanten Projekten wurden nur einige wenige verworfen. Die restlichen Projekte sollen aber noch verwirklicht werden. Aufgegeben wurden z.B. nur die Pläne für den Neubau zweier Reaktoren am AKW Fukushima dai ichi (Reaktor 7 und 8), aber auch nur wegen der Reaktorkatastrophe dort. Die Pläne für das AKW Odaka wurden verworfen, weil es in unmittelbarer Nähe zum AKW Fukushima dai ichi, also in einer verstrahlten Umgebung liegen würde . . . aber nicht etwa aus Sicherheitsgründen, oder weil Japan eigentlich gar keine AKWs braucht. . .

Das Unfassbare ist ja auch, dass das AKW Ōma, Präfektur Aomori, ein Plutoniumreaktor, der sich im Bau befindet, überhaupt weiter gebaut werden darf.

Die Karte zeigt Nordjapan. Oben, Mitte im Bild befindet sich der Ort Ōma, wo das gleichnamige AKW, ein Voll-MOX-Reaktor gebaut wird. Skizze: AF

Auch der Antrag auf Sicherheitsüberprüfung für die Inbetriebnahme, den die Betreiberfirma J-Power (Dengenkaihatsu) bei der Atomaufsichtsbehörde NRA eingereicht hatte, wurde sehr schnell bearbeitet. Die NRA beginnt sogar noch in diesem Jahr mit den Überprüfungen (11/2014). Und die Firma J-Power propagiert ganz stolz, mit Ōma den weltweit ersten „Voll-MOX-Reaktor“ in Betrieb nehmen zu können.

. . . das ist aber absolut nichts, worauf man stolz sein könnte, eher das Gegenteil!

Als der Bau begann, wurden Leute aus ihrer Heimat vertrieben. . .  

 

Das „Asako Haus“ – wohnen auf der AKW-Baustelle

Im Grunde genommen, wohnte Atsuko mitten auf der AKW-Baustelle, direkt hinter dem Reaktor. . .

Wie kommt es dazu? Was ist passiert?

Der Ort Ōma, Präfektur Aomori liegt in Nordjapan an der Küste. Dort befindet sich das Grundstück mit einem schönen Haus, einem Blockhaus, das aus zwei Teilen besteht, von Asako und ihrer Familie. Die Natur in dieser ländlichen und dünn besiedelten Region und das Meer ist wunderschön. Es war ihre geliebte Heimat. . .

Und genau das ist das Elternhaus von Tochter Atsuko, in dem sie mit ihrer eigenen Familie bis vor kurzem noch wohnen durfte. . .

          

Links: Skizze vom Standort des Asako Haus, das sich mitten auf der AKW-Baustelle befindet. Skizze: Petra Alt. Rechts: Das Asako Haus. Bild: AO (Video).

 

Die Vorgeschichte

Schon in den Achtzigern wurde im Ort Ōma, und zwar genau dort, wo sich das Haus von Asakos Familie befand, ein AKW mit einem MOX-Reaktor geplant. Bei der Standortauswahl wurden die Anwohner nicht berücksichtigt. Die sollten einfach verschwinden und fertig.

Als der Bau trotz Proteste der Anwohner 2008 begonnen wurde, ließen sich die anderen Anwohner, die ihr Grundstück für das AKW abgeben mussten, mit einer Abfindung abspeisen. Aber Asako wollte ihre Heimat und ihr geliebtes Haus nicht einfach so hergeben. Schon mal gar nicht für so ein gefährliches AKW, das da hin gebaut werden soll.

Das Projekt „Asako Haus“ wurde ins Leben gerufen. Die Familie machte im Internet und auf lokaler Ebene auf die Zustände im Ort und über das AKW-Bauvorhaben der Firma J-Power (Dengenkaihatsu) aufmerksam.

Der Reaktor, der sich noch im Bau befindet (10/2013) steht direkt hinter dem Haus von Asako, was natürlich dort verschwinden soll. Die etwa 500 Meter lange Zufahrtsstraße zum Asako Haus wurde nach Baubeginn links und rechts eingezäunt und erinnerte nun an eine Transitstraße aus DDR-Zeiten. Ihr Haus befand sich nun mitten auf dem AKW-Gelände, bzw. auf der Baustelle.

Als Asako verstarb, führte Tochter Atsuko das Projekt „Asako Haus“ weiter und kämpfte für den Erhalt ihrer Heimat.

   

Die eingezäunte Zufahrtsstraße zum Asako Haus und das Schild kurz vor dem Haus mit der Aufschrift: あさこはうす (Asako Haus)  (Bd. Bilder:  AO)

 

Über Videokanäle im Internet bat Atsuko darum Postkarten und Briefe an das Asako Haus zu schicken. Bei diesen Postkatenaktionen ging es nicht nur um mehr Aufmerksamkeit auf das Geschehen, sondern auch darum, dass die „Transitstraße“ zum Asako Haus, in diesem Fall durch das Postauto, das jeden Tag kommt, so oft wie möglich frequentiert wird.

Sie erhielten Postkarten mit Durchhaltebotschaften und Grüßen aus ganz Japan und dem Ausland.

Die Firma J-Power (Dengenkaihatsu) setzte die Familie laufend unter Druck. Atsuko fühlte sich regelrecht verfolgt. Jeden Tag kam ein Mitarbeiter der J-Power, bzw. ein weiterer Atomlobbyistenvertreter, der Atsuko penetrant zuredete und Druck ausübte, damit sie ihr Haus räumt.

Die Bäume hinter dem Haus sind verschwunden. Das AKW nimmt immer mehr Formen an. Vom Fenster aus sah man den Reaktor. . . er wirkte mehr als bedrohlich.

Dann Anfang 2014 wurden Atsuko und ihre Familie zwangsumgesiedelt und das Asako Haus musste dem AKW Ōma weichen.

War das jetzt alles umsonst? Nein! Die Mühe für den Erhalt der Heimat und der Widerstand gegen den gefährlichen MOX-Reaktor, den das Team „Asako Haus“ ausübte, war nicht umsonst, sondern vergeblich.

Denn ohne all die Proteste der landesweiten Bevölkerung, vor allem nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima wäre das AKW Ōma schon lange fertig gestellt und am Netz.

Auch generell ist festzustellen, dass es ohne die massiven Protesten und Widerstände ein Großteil der AKWs in Japan schon lange wieder am Netz wäre. Es wäre quasi alles wie gehabt und die Reaktorkatastrophe komplett abgehakt.       

 

Ein AKW ist ja schon schlimm genug, aber was ist das besonders schlimme am AKW Ōma?

Das sich im Bau befindliche AKW Ōma (Stand: 11/2014) besteht aus einem Reaktor, einer sogenannten „verbesserten“ Form des Siedewasserreaktors, der auch komplett mit MOX-Brennelementen bestückt werden kann (soll).

Die Idee dahinter war die „Verwertung“ des Plutoniums, was sich schon damals in Japan tonnenweise anhäufte. Denn Japan ist nicht nur klein und hat wenig Platz, sondern hat, wie alle anderen atomkraftbetreibenden Länder auch, kein brauchbares Endlager für den hoch radioaktiven Atommüll. Mit dem MOX-Reaktor sollte nun der Brennstoffkreislauf geschlossen werden. Was in der Theorie gut klingt, wird niemals ohne gefährliche Hinterlassenschaften funktionieren. Denn abgebrannte MOX-Brennelemente sind noch radioaktiver und chemisch noch giftiger als „normale“ Brennelemente. Ein zweiter Hintergedanke ist natürlich auch die Bereitstellung von Nuklearwaffen.

Ursprünglich sollte das AKW Ōma schon Ende 2012 mit einer Leistung von 1,38 MW ans Netz gehen. Durch die anhaltenden Bürgerproteste und Gerichtsklagen, vor allem seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima herrschte dort wieder einmal ein Baustopp.

Die Firma J-Power (Dengenkaihatsu) ist jedoch sehr zuversichtlich, da die Atomaufsichtsbehörde NRA den Antrag für die Überprüfung auf Erfüllung der neuen Sicherheitsstandards angenommen hat und sogar noch in diesem Jahr (2014) mit der Überprüfung am AKW Ōma beginnen wird.

Die NRA lässt es also zu, dass der MOX-Reaktor weiter gebaut werden und wohl möglich bald auch noch ans Netz gehen darf.

Unabhängige Experten schlagen die Hände über den Kopf zusammen, denn das AKW Ōma darf also trotz seismisch aktiven geologischen Verwerfungslinien und der wohl möglich aktiven Vulkane in der Nähe weitergebaut werden. Von der Erdbeben- und Tsunamigefahr, sowie der allgemeinen Gefahren insbesondere bezüglich der MOX-Brennelemente ganz zu schweigen.

Video: Der einsame Kampf gegen das neue AKW (Zweisprachig auf Englisch und Japanisch)

大間原発反対に孤軍奮闘「あさこはうす」/Lonely Battle Against A New Nuke Plant

Die „baulichen Fortschritte“ am AKW Ōma, die die Firma J-Power auf einer PDF-Datei zusammengestellt hat.

 

März 2014

Ein Vortrag anlässlich des 3. Jahrestages der Atomkatastrophe in Japan von Mako Oshidori 

  Die TEPCO-Atomkatastrophe in Fukushima

          – Was passiert dort wirklich?

Ein Vortrag von Mako Oshidori vom 08.03.2014. Unterstützt und organisiert von der japanisch-deutschen Antiatomgruppe „Sayonara Genpatsu Düsseldorf e.v.“

Eine Zusammenfassung von Petra Alt, antiatom-fuku/SGD.

               

Bild vom Flyer: Mako Oshidori vor dem Haupttor am AKW Fukushima dai ichi

 

 Die investigative Journalistin OSHIDORI Mako berichtet:

Mako OSHIDORI gilt als eine der am besten informierten JournalistInnen in Japan. Sie recherchiert regelmäßig in Fukushima zur Situation der Bevölkerung, den Arbeitern in den zerstörten AKWs, den Behörden, zur Politik, usw.

Auf TEPCO-Pressekonferenzen ist sie wegen ihrer großen Fachkenntnis und scharfen Fragen gefürchtet. (Auszug aus dem Flyer zum Vortrag).

Die Einleitung und Ansprache erfolgte durch Dr. M. Fuchs (eine der Gründer- und Vorstandsmitglieder der japanischen Antiatomgruppe Sayonara Genpatsu Düsseldorf e.V.)

Etwa 130 Gäste besuchten diesen interessanten Vortrag.

Vortrag in Düsseldorf (Bild: Petra Alt)

Mako Oshidori, eine kritisch, also wahrheitsgemäß berichtende Journalistin aus Japan berichtete am 08.03.2014 im Haus der Kirche in Düsseldorf.

Sie nahm schon an sehr vielen Tepco-Konferenzen teil, was ihr sehr viele wichtige Informationen einbrachte, die zu einer außerordentlich guten Berichterstattung beitragen.

Mako Oshidori ist im Vorstand der free press association, die kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima gegründet worden ist.

Sie ist gehört keiner Anti-AKW-Gruppierung an, sondern berichtet generell über „unliebsame Probleme“, wie zum Beispiel dem Asbestproblem, wo keine genauere  Berichterstattung erwünscht ist.

Rückblickend fasst M. Oshidori noch einmal den Ablauf der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe von März 2011 und den Beginn der Reaktorkatastrophe am AKW Fukushima dai ichi, die weiterhin nicht unter Kontrolle ist zusammen.

Das havarierte AKW Fukushima dai ichi im Herbst 2013. Bild: AF

 

Sie berichtet über die Bürgermeisterwahl in Tokyo, die im Vorfeld dahin gehend manipuliert worden ist, so dass ein kritisches Interesse an der Wahl erst gar nicht auf kam. Das heißt, dem Bürger war es überhaupt nicht klar, dass es je nach Wahlausgang der Präfekturgouverneurwahl in Tokyo einen positiven Einfluss auf die Energiepolitik/ Atomausstieg hätte haben können.

Kurz um: Die Wahl ging völlig in die Hose! Hajime Masuzoe (LDP) ein atombefürwortender Lokalpolitiker gewann die Wahl und Ministerpräsident Shinzo Abe (LDP) fühlt sich bestätigt (siehe dazu auch die „Fuku Info“ vom 19.02.2014).

Oshidori bemängelt, dass man als kritisch berichtender Journalist gleich in eine bestimmte Gruppierung eingeordnet wird, obwohl man unabhängig ist. Und sie zeigt sich überrascht darüber, dass man in Europa denkt, dass Japan eine Demokratie sei.

Japan ist absolut keine Demokratie.

M. Oshidori hat viele Tepco-Konferenzen besucht und darüber wahrheitsgemäß, kritisch und ungeschönt berichtet. Eine Berichterstattung, die von Behörden und Lobbyisten in der Form nicht erwünscht gewesen ist.

Die Zeitungen werden angewiesen, Oshidoris Berichte nicht mehr, bzw. nur in einer gekürzten Fassung, die die wesentlichen Kritikpunkte nicht mehr beinhaltet zu veröffentlichen und dazu drei weitere Artikel von anderen Autoren, die atomlobbyistenfreundlich orientiert sind, in der selben Ausgabe zu veröffentlichen. Durch die drei anderen Artikel soll der Artikel von Oshidori nur überlagert werden, so dass die darin enthaltenen Informationen nicht so deutlich hervor treten.

In TV-Auftritten wird Oshidori dazu angehalten, sich mit kritischen Äußerungen bezüglich Tepco und weiteren atomorientierten Lobbyisten zurück zu halten.

Die TV-Sender werden zum Großteil durch die Atomkonzerne und Regierung getragen, was eine unabhängige und objektive Berichterstattung „vorbeugt“.

Zu dem wird das Ganze auch noch durch das Geheimhaltungsgesetz mit Einschränkung der Pressefreiheit unterstützt.

Da die atomfreundliche Regierungspartei LDP seit dem Sommer 2013 nun in Ober- und im Unterhaus dominierend ist, sind derartige Gesetze, wie das erst kürzlich beschlossene Geheimhaltungsgesetz ohne Weiteres möglich.

In der Regierung finden regelmäßig geheime Treffen mit der restlichen Atomlobby  statt, bei denen das weitere Procedere für die Reaktorruine Fukushima dai ichi, den Fortbestand der restlichen AKWs besprochen werden. Dazu gibt es auch eine Liste mit Namen von Politikern, Journalisten und weiteren Berichterstattern, die man besser meiden sollte, da sie zu „unbequem“ werden könnten. Oshidori und der ehemalige Ministerpräsident Naoto Kan (DPJ) sind darin ebenfalls aufgeführt.

Auch Bespitzelungen seitens der Atomlobby werden durchgeführt. Oshidori wurde bereits durch die Regierungspartei LDP bespitzelt.

Der frühere Ministerpräsident Naoto Kan (DPJ), der Tepco kurz nach der Reaktorkatastrophe kritisierte und die Sicherheit der AKWs infrage stellte, war der Atomlobby sehr schnell ein Dorn im Auge. Er wurde nach ein paar Monaten aus dem Amt gedrängt.

Bei ihren häufigen Besuchen in der Präfektur Fukushima sprach Oshidori mit besorgten Müttern, die wegen der Strahlung Angst um ihre Kinder hatten. Diese Mütter wurden jedoch ebenfalls bespitzelt und trauten sich nicht mehr mit Oshidori zu sprechen.

Viele Leute, die Oshidoris Berichte lasen, waren überrascht und völlig perplex, da das in den öffentlichen Medien alles viel harmloser dar gestellt wird. Es wird auch laufend der Eindruck vermittelt, als sei alles unter Kontrolle und die Katastrophe weitgehend überstanden.

Oshidori führte auch Gespräche mit AKW-Mitarbeitern. Darunter war ein Krankenpfleger, der als Werkspfleger am AKW Fukushima dai ichi zuständig gewesen ist.

Er war dort tätig, als sich die Dreifachkatastrophe ereignete. So bekam er mit, wie Mitarbeiter zu Beginn der Katastrophe verstarben. Das wurde jedoch durch den Betreiber Tepco verschwiegen. In der medizinischen Abteilung/ Betriebsarzt wurden die Todesfälle so dar gestellt, als wäre eine vorhandene chronische Erkrankung die Ursache für das Versterben des Mitarbeiters gewesen und nicht die hohe Strahlenbelastung.

Der Pfleger berichtete von mangelnden Arbeitschutz und einer Missachtung der Unfallverhütungsvorschriften. Die Arbeitsbedingungen waren ebenfall katastrophal. Viele Arbeiter kamen an ihre Grenzen.

Ein Verantwortlicher der Firma Tepco war für Oshidori jedoch nicht zu sprechen.

Entschädigungszahlungen, bzw. angemessene Nachsorgeuntersuchungen für die ehemaligen AKW-Aufräumarbeiter gibt es nicht. Angeblich liegt deren Gesamtstrahlenbelastung noch unter dem Richtwert, ab wo diese Maßnahmen greifen würden.

Im Klartext: Keine Nachsorge für die AKW-Arbeiter, die sich der großen Gefahr einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt haben und nun von Tepco und den Behörden abserviert werden.

Entsprechende Zeitungsartikel von Oshidori wurden stark gekürzt, so dass sie die Situation nicht mehr adäquat widerspiegeln konnten und deutlich harmloser wirkten.

In den Schulen, so berichtet Oshidori weiter, müssen die Kinder das Schulessen, was aus der Region stammt essen. Also Nahrungsmittel, die radioaktiv belastet sind. Wer Essen von zuhause mitbrachte, wurde gemobbt. Das wurde alles von den Lehrern, die ebenfalls einer Gehirnwäsche unterzogen worden sind so eingefädelt.

Mit dem Schulessen aus der Region, was man den Kindern angeblich bedenkenlos anbieten kann, wollen die Behörden in der restlichen Bevölkerung den Eindruck erwecken, als wären die Lebensmittel in Fukushima weitgehend unbelastet, so dass man keine Bedenken haben bräuchte. Denn schließlich essen Kinder diese Sachen. „Wäre da irgendetwas nicht in Ordnung, würde man den Kindern diese Lebensmittel nicht anbieten“. Könnte man denken, ist aber weit gefehlt. Das ist nur eine Verschleierung von Tatsachen, die auf den Rücken der Kinder ausgetragen wird.

Denn seit Beginn der Reaktorkatastrophe fanden die in Fukushima produzierten Lebensmittel keine Abnehmer mehr.

Einige Eltern versuchten sich mit Unterschriftenaktionen da gegen zu wehren.

Es werden zu dem auch „nur“ die Cäsiumwerte, aber keine Plutonium- und Strontiumwerte in den Nahrungsmitteln gemessen. Dadurch kommen diese Lebensmittel „besser“ durch die Kontrolle.

70% der Gemeinden richten sich nach den offiziellen Messwerten. Die Eltern, die sich da gegen wehren, sind nahezu machtlos. Bedenken seitens der Eltern sind in den Schulen unerwünscht.

Ein russischer Experte führte im Oktober 2012 Strahlenmessungen in der Präfektur Fukushima durch. An einer Schule erfasste er Radioaktivitätswerte, die bei 27,6 µSv/h lagen. Evakuiert wurde jedoch nicht. In Weißrussland wäre das Gebiet evakuiert worden.

Auf seiner Nachfrage hin hieß es: „Dass das Schulgebäude ausreichend dekontaminiert sei“. Der russische Experte konnte das alles nicht nachvollziehen, zumal die kontaminierte Luft ständig durch das Gebäude strömt.

Laut einem offiziellen Schreiben der Schule an die Eltern, welches, nach dem der Russe anfing nachzubohren heraus gegeben worden ist, wären die Radioaktivitätswerte an der Schule noch in einem guten Tolleranzbereich und würden somit keine Gefahr für die Kinder dar stellen.

Einige Familien sind weg gezogen. Andere verdrängten das Problem. Eltern, die sich wegen der erhöhten Strahlung verunsichert zeigen, werden als hysterisch dar gestellt.

Oshidori berichtet auch von den vielen Mülldeponien für radioaktive Abfälle, die überall in der Landschaft zu sehen sind. Häufig sind es große Säcke, die nebeneinander gereiht und gestapelt sind. Einer wiegt etwa eine Tonne.

An einer radioaktiven Mülldeponie an einem Waldstück sah Oshidori ein Schild mit der Aufschrift: „Naturschutzgebiet – Bitte hinterlassen Sie hier keinen Müll.

Ein Arzt, der sich für die Kinder in Fukushima engagiert, bietet ein Erholungsprogramm, das „Matsumoto-Projekt“ für Kinder an, um für ein paar Tage aus der verstrahlten Region zu entkommen. Hier können sich die Kinder in Nagano erholen und dabei die Schule besuchen.

Das Strahlenproblem wird in der Präfektur Fukushima zu sehr tabuisiert, was von den Behörden auch so forciert wird.

Oshidori hat mit einem Kind in Matsumoto gesprochen und war sehr schockiert über dessen Aussage.

Große Kinder konnten schon selber im Internet recherchieren, wussten somit besser bescheid. Lehrer hatten sogar behauptet, dass in Fukushima alles in Ordnung sei. Die Kinder spüren jedoch Beeinträchtigungen im gesundheitlichen Befinden. Sie haben Bedenken, weil sie später eventuell selber gerne Kinder haben wollten. Sie sind froh, dass sie in Nagano sind…

Lehrer und sogar die eigenen Eltern sind da nicht gerade sehr hilfreich bei diesen Problemen. Viele Eltern denken, dass die Internetinformationen übertrieben dargestellt sind.

Oshidori berichtet von einer Begehung am havariertem AKW Fukushima dai ichi. An einem Abluftkamin, der zu den Reaktoren 1 und 2 gehört, ist das Stützgerüst durch das Erdbeben stellenweise gebrochen und das Abluftrohr selber weist zahlreiche Risse auf. Reparaturarbeiten dort sind aufgrund der hohen Strahlung jedoch nicht möglich. Somit könnte der instabile Abluftkamin jeder Zeit umkippen und dadurch eine extrem hohe Strahlung frei setzen. Folglich könnte sogar eine Evakuierung der anwesenden AKW-Mitarbeiter nötig werden.

Oshidori gibt weitere technische Informationen zum Zustand der Reaktoren 1 bis 3 und informiert über die Probleme bei der Kühlung der drei Kernschmelzen, die sich durch den Beton in den Erdboden gefressen haben. Bei der laufenden Kühlung der geschmolzenen Brennelemente mit Wasser wird Wasserstoff frei. Somit besteht hier die Gefahr einer Wasserstoffexplosion. Um dieses zu unterbinden, wird dort vorsorglich Stickstoff eingeleitet.

Es ist völlig unklar welche Wege sich die drei Kernschmelzen schon gebahnt haben. Vor allem im Reaktor 1 geht mehr an Stickstoff rein als raus. Wo bleibt der Rest? Das spricht für Leckagen im Boden der drei Reaktordruckbehälter, aus denen auch das verstrahlte Kühlwasser austritt und ins Meer gelangt.

Das Hafenbecken vor den Reaktoren ist extrem stark radioaktiv verseucht.

Der amtierende Ministerpräsident Shinzo Abe (LDP) redet jedoch alles klein und verharmlost das alles. Vor allem auch wegen der olympischen Spiele.

Abe behauptete im September 2013 das die Lage am AKW Fukushima dai ichi unter Kontrolle sei und dass das radioaktiv verseuchte Kühlwasser (laut Tepco) im Hafenbecken zurück gehalten wird.

Darüber war Tepco etwas erstaunt, zumal die das so gar nicht gesagt haben. Denn sogar selbst Tepco zweifelt daran, dass das verseuchte Wasser im Hafenbecken zurück gehalten wird.

Strahlenmessungen von Februar 2014 an einem Bohrloch haben einen Strontium90-Wert von 5 Billionen Bq/l Wasser ergeben. Im Juni 2013 wurde am selben Bohrloch noch kein Strontium nachgewiesen, bzw. nicht bekannt gegeben.

Zu dem wurden die Messwerte von Februar 2014 nach unten „korrigiert“. Gängige Praxis bei Tepco, passiert nicht zum ersten Mal.

Eine kritische Berichterstattung findet eher selten statt. Die öffentlichen Medien „verlassen“ sich blind auf die Aussagen der Regierung und dem Betreiber Tepco. Das Geheimhaltungsgesetz und die Gehirnwäsche machen es möglich.

Hinzu kommt noch, dass die öffentlichen Medien selber keine aussagekräftigen Informationen erhalten.

Viele Leute, vor allen in den USA und den europäischen Ländern denken, das Japan eine Demokratie sei. Das ist leider nicht der Fall. Sonst wären solche Stasi-Machenschaften, wie das Anfang des Jahres beschlossene Geheimhaltungsgesetz nicht möglich gewesen.

Japaner denken, mit dem „wählen gehen“ sei die politische Verantwortung erfüllt. Das würde reichen…

„Je mehr Leute umdenken“, so Oshidori weiter, „desto schneller schaffen wir eine Veränderung“!

Oshidori beendet ihren Vortrag, indem sie betont, dass ALLE in Japan für ein Umdenken verantwortlich sind. Sie bedankt sich für das große Interesse und beantwortet abschließend noch die Fragen der Zuschauer. 

 

Nach dem Vortrag. Ken Oshidori, Petra Alt und

Mako Oshidori (Bild: Bontaka/SGD)

 

  November 2013

  Aus den Vorträgen von Kazuhiko Kobayashi  

Vortrag in Düsseldorf vom 19.11.2013 von Kazuhiko Kobayashi, unterstützt und organisiert durch die Ethecon Düsseldorf. Eine Zusammenfassung von Petra Alt, antiatom-fuku.

Die Zustände in Fukushima im Jahr 2013

Wie auch schon im letzten Jahr berichtete Kazuhiku Kobayashi aus Tokyo, der in früherer Zeit langjährig in Deutschland lebte über die Zustände in der Präfektur Fukushima, die dort seit der Reaktorkatastrophe herrschen.

Er hat die Präfektur Fukushima besucht, ist mit Betroffenen der Reaktorkatastrophe ins Gespräch gekommen und hat sich über den gegenwärtigen Zustand informiert.

Einleitend berichtet Herr K. Kobayashi über die Versuche mit Plutonium der USA in früherer Zeit und über die Atombombentests im Südpazifik, die immense Schäden bei den Inselbewohnern hinterließen.

Auch japanische Fischer trugen Schäden davon und hatten an den Folgen der radioaktiven Verseuchung zu leiden. Statt einer Entschädigung seitens der USA gab es nur Schmiergeld für die japanische Regierung um dessen Kooperation zu erschleichen…

„Die gesamte Geschichte der Kernenergie besteht aus Verbrechen“!

Auch die von den USA getätigten Abwürfe der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren der Beginn eines amerikanischen Experiments auf Kosten anderer.

Die Strahlenopfer waren die Objekte der US Wissenschaft.

Japanischen Ärzten war jegliche Forschung auf dem Gebiet der Strahlenmedizin in Bezug auf Folgen durch Kernwaffen strengstens untersagt. Sie stand sogar unter Strafe.

Siehe dazu auch:Die Geschichte der Kernenergie in Japan. Somit hatten die japanischen Ärzte erhebliche Wissenslücken, die Japan von den USA abhängig machten. Und die Amerikaner haben geforscht, ohne, entgegen ihrem Versprechen medizinische Hilfe zu leisten. Sie nahmen die Forschungsdaten mit in die USA.

Sehr viele japanische Ärzte meiden sogar bis heute noch das Thema „Radioaktivität und dessen Gefahren und Folgen“, da ein umfangreiches Wissen von der Regierung und der Atomlobby nicht erwünscht ist und somit die Berufslaufbahn beeinträchtigen könnte.

Die heutige Situation in Fukushima

Aktionen, wie auch der Kindermarathon im Frühjahr 2013, der bewusst nach Fukushima-City verlegt worden ist, sowie weitere Veranstaltungen und Manöver, die durch die Regierung getriggert werden, sollen Normalität simulieren.

So fährt zum Beispiel ein großes „Micky Maus Auto“ durch die Stadt und „wirft Kamelle“ in Form kleiner Figuren, weiterer Spielkram, Süßigkeiten etc., die den Kindern überreicht werden. Hier durch sollen die Kinder nicht „weg wollen“, weil sie sich immer wieder auf das „Micky Maus Auto“ freuen.

Eine Evakuierung insbesondere der Kinder wäre aber dringend angeraten! Denn die Radioaktivität ist teilweise sehr hoch.

Die Städte Koriyama und Fukushima-City gelten weiterhin als „leichtgradig“ verstrahlt. Das ist ein Zustand, der einen längeren Aufenthalt eigentlich strikt verbietet.

Da hilft auch kein Kamelle werfender Rosenmontagswagen, der die Kinder um den Finger wickelt.

30% der Kinder weisen schon Knoten und Zysten in der Schilddrüse auf.

Auch in die Dekontaminierungsversuche zur Senkung der Radioaktivität werden die Kinder auf „spielerischer Art“ eingebunden. Sie sollen das als ganz  normal empfinden und Spaß machen soll es auch.

In Kobayashis Beispiel, was er anhand eines Bildes erläutert, wird gerade ein Briefkasten durch Kinder „gereinigt“.

Links: Kind mit Dosimeter zur Registrierung der erhaltenen Strahlendosis. Rechts: Auf einem Platz gestapelte Säcke mit radioaktiv kontaminiertem Erdreich und Laub, was bei den Dekontaminierungsarbeiten angefallen ist.

 

Beide Bilder (antiatom-fuku) sind Vergleichsmodelle zu den Originalbildern vom Vortrag.

 

Es ist unverantwortlich, die Kinder im radioaktiven Dreck herum feudeln zu lassen, wobei sie auch den aufgewirbelten Staub einatmen!

Die Regierung weiß das ganz genau - so Kobayashi weiter – das wird aber alles verheimlicht, bzw. verleumdet.

Fest installierte Messsonden, die in der Präfektur Fukushima überall aufgestellt worden sind, sind vorsätzlich falsch kalibriert und zeigen viel zu niedrige Werte an.

Diese Aussage ist schon vielfach betätigt worden!

Dennoch behauptet die Regierung weiterhin, dass keinerlei Gefahr für die Bevölkerung bestehen würde und verharmlost die Gefahren der Radioaktivität.

Kinder in der Präfektur Fukushima tragen ein Dosimeter zum umhängen. Die Messdaten werden an die Behörden und an die IAEA geschickt. Die Eltern erfahren nichts über die Messdaten.

Hierzu zeigt K. Kobayashi das Bild eines Jungen, was er in Koriyama „geknipst“ hatte,  der ein Dosimeter um den Hals hängen hat. (K. Kobayashi ist sichtlich ergriffen von dieser Szene).

Die Messdaten werden geheim gehalten. Der Verdacht, dass diese nur zu Forschungszwecken erhoben werden liegt nahe. Die Daten werden auch nicht an unabhängige Institutionen geleitet. Eine zweite Meinung ist unerwünscht.

Hier geht die Forschung weiter. Die Japanische Regierung steht den Amerikanern in nichts nach! Die Gesundheit der betroffenen Bevölkerung ist zweitrangig. Sonst hätte die Evakuierung der „leichtgradig“ verstrahlten Gebiete schon statt gefunden.

Alles wird langsam und in aller Stille vergiftet.

Über viele Generationen werden unschuldige Kinder für die Experimente der Atomlobby/Regierung „genutzt“.

Das „folgsame“ Verhalten der Japaner kommt noch durch die Tokogawa-Zeit. Damals im sechzehnten Jahrhundert machten sich ein paar Mächtige sehr erfolgreich eine Gehirnwäsche der Bevölkerung zu Nutzen. Das Volk wurde hörig gemacht. Kritiklose Gehorsamkeit und sich für die Mächtigen opfern.

… später waren es die Kamikaze-Flieger… „geht ihr vor, wir kommen nach“.

Sie folgten aber nicht! Sie nutzten nur die Vorteile, während andere in den Tod sprangen…

In einer Grünanlage der Großstadt Koriyama war eine Mutter mit ihrem Kleinkind unterwegs, was auf dem Boden spielte, als K. Kobayashi dort die Strahlung maß. Die Werte, die das Gerät anzeigte waren eher beunruhigend.

Er sprach die Mutter aus Sorge wegen dem Kind an und zeigte ihr den Wert, den das Gerät gerade anzeigte…

Die Mutter äußerte jedoch nur, dass sie von Technik nichts verstehe und die Regierung sagt, dass alles ganz sicher sei.

Die Mutter ist entweder ignorant oder „unterbelichtet“. Oder liegt das auch an der Gehirnwäsche aus der Tokogawa-Zeit?

Die von der Reaktorkatastrophe betroffenen Leute werden diskriminiert. So erging es auch der Atombombenopfer „Hibakusha“ in Hiroshima und Nagasaki.

Eltern verbieten ihren erwachsenen Kindern jemanden aus der Präfektur Fukushima zu heiraten. Er könnte die Strahlenbelastung übertragen.

Man könnten Kinder mit Missbildungen bekommen, die nicht in eine „intakte“ Gesellschaft passen, bei der alles seine Ordnung hat.

K. Kobayashi sprach mit Betroffenen und berichtet von einem Liebespärchen, was heiraten wollte. Er war aus der Präfektur Fukushima und sie war aus einer anderen Region. Bis zur Reaktorkatastrophe war auch noch alles in Ordnung.

Kurz nach der Reaktorkatastrophe verboten die Eltern der Freundin den weiteren Kontakt mit ihren Freund. Sie sollte „Schluss machen“.

Etwas später erhielten die Eltern des jungen Mannes einen Brief von den Eltern der Freundin: „Unsere Tochter wird von nun an keinen Kontakt mehr mit ihrem Sohn haben, da wir kein behindertes Enkelkind haben wollen“.

Die Eltern berichteten, als Kobayashi die Familie besuchte, das ihr Sohn mit der Situation nicht fertig geworden ist und keinen anderen Ausweg mehr sah…

Die sich häufenden „Einzelschicksale“ interessiert die Regierung jedoch nicht. Zählen tut nur der Profit. Und die einzige Sorge der Regierung ist, wie der Ruf der Atomlobby gerettet werden kann…

Nachfolgend ein Interview der Tageszeitung „Augsburger Allgemeine“ mit Kazuhiko Kobayashi vom 30.11.2013.

 

Juni 2013

  Eine Delegation aus Fukushima zu Besuch in Düsseldorf 

Die Vorsitzende der Antiatomorganisation „Mütter in Fukushima gegen Atomkraft“, sowie Mitbegründerin der staatlich unabhängigen Klinik in Fukushima, Chieko Shiina, der Vorsitzende der überregionalen Antiatomorganisation NAZEN, Yosuke Oda und der Übersetzer Nobuo Manabe, der auch für die Eisenbahngewerkschaft Doro Chiba tätig ist, besuchten in Juni 2013 Deutschland.

Nach dem die drei japanischen Gäste im Wendland bei der Bürgerinitiative Lüchow Dannenberg zu Besuch waren, den umstrittenen Salzstock Gorleben kennen lernten und einiges über das havarierte Atommülllager Asse erfuhren, besuchten sie Düsseldorf. Im Anschluss stand noch ein Besuch in der IPPNW-Geschäftsstelle und ein Vortragsabend in Berlin mit auf dem Programm der kleinen Delegation aus Japan.

In ihrer Veranstaltung in Düsseldorf hielten C. Shiina und Y. Oda einen Vortrag über die Zustände in Fukushima, die durch N. Manabe ins Deutsch übersetzt wurden. Sie schilderten die derzeitige Situation seit der Atomkatastrophe und berichteten über die Entwicklung des autonom arbeitenden Gesundheitszentrums „der Klinik Fukushima“. Diese Klinik behandelt die Strahlenopfer, vorwiegend Kinder und informiert und berät objektiv und ehrlich, ohne die Gefahren der Radioaktivität zu verharmlosen und die Gesamtsituation in Fukushima zu beschönigen.

Von links nach rechts: Yosuke Oda, Nobuo Manabe, Chieko Shiina und die Mitorganisatorin Bettina Schneider (Bild: Petra Alt)  

 

Die „Hibakusha“ (Opfer der Atombombenabwürfe bzw. der Reaktorkatastrophe) werden diskriminiert. So raten Eltern anderer Regionen ihre Kinder strikt davon ab, einen Partner aus der Präfektur Fukushima zu heiraten…

Die Strahlenopfer merken, dass sie gemieden werden, dass einige Leute nicht mit ihnen in Berührung kommen möchten. Quasi das gleiche Problem wie damals nach den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki.

Viele Kinder sind verängstigt, da einige Erwachsene das Problem der radioaktiv kontaminierten Lebensmittel nicht ernst genug nehmen. Das heißt, die Kinder müssen diese bedenklichen Lebensmittel essen, obwohl sie ganz genau wissen, dass damit irgendetwas nicht in Ordnung ist.

So berichtet Frau Shiina von einem Schulkind, dessen Oma sie dazu zwang Dinge zu essen, die höchstwahrscheinlich radioaktiv kontaminiert gewesen sind. In der Schule hatte das Kind ja wenigstens eine Gelegenheit die besagten Lebensmittel heimlich zu entsorgen. Und was für die Großmutter unter Umständen „nicht so schlimm“ sein mag, kann für die Kinder, die wesentlich empfindlicher auf Radioaktivität reagieren, gesundheitliche Folgen haben.

Obwohl dringender Handlungsbedarf besteht, herrscht weiterhin nur Desinformation.

Und die gesundheitlichen Folgen sind ebenfalls schon sichtbar. So wurden bereits bis Mai 2013 bei 15 Kindern Schilddrüsenkrebs festgestellt. Die Organisation „Mütter aus Fukushima gegen Atomkraft drängt die Behörden auf bessere Informationen und Aufklärung und Schutz der Bevölkerung, vor allen für die Kinder.

Laut den staatlichen Gesundheitszentren und städtischen Krankenhäusern sind Kontrolluntersuchungen nur alle zwei Jahre nötig. Einen Zusammenhang mit der erhöhten Radioaktivität wird, wenn ein pathologischer Befund vorliegt ebenfalls nicht gesehen, bzw. soll nicht gesehen werden. Auch eine Zweitmeinung ist unerwünscht.

Die Ärzte dieser Kliniken waren einfach nicht vertrauenswürdig. Die Patienten, bzw. die Eltern der zu behandelnden Kinder fühlten sich dort nicht gut betreut und informiert.

Aufgrund all dieser Missstände gründeten die Mütter von Fukushima ein unabhängig arbeitendes Gesundheitszentrum, das in November 2012 schon seine Arbeit aufnehmen konnte, jedoch weiterhin sehr stark auf Spenden angewiesen ist.  Schon 400 Kinder wurden hier untersucht und die Eltern werden offen und ehrlich beraten.

Während dessen versuchen Regierung und einige Lokalpolitiker in der Präfekturverwaltung Normalität einkehren zu lassen, die das radioaktive Problem in den Hintergrund drängen soll. So wurde im Frühjahr 2013 ein Überregionales Volksfest mit zahlreichen Veranstaltungen unter freien Himmel bewusst in Fukushima-City abgehalten. Bei dieser Veranstaltung waren auch sehr viele Kinder involviert, die sich sportlich betätigen mussten. Ein Marathonlauf fand ebenfalls statt. Am Folgetag berichtete die Lokalpresse in einem zweiseitigen Zeitungsbericht über die „gelungene" Veranstaltung.

Die radioaktive Strahlung von bis zu 0,9 µSv/h, die am Veranstaltungsort in der Innenstadt von Fukushima herrschte, wurde natürlich nicht erwähnt. Eine „normale“ Strahlung liegt in Japan bei etwa 0,04 bis 0,07 µS/h.

160 000 Leute sind seit der AKW-Katastrophe schon aus der Präfektur Fukushima geflohen. Die restlichen Leute müssen gezwungenermaßen hier verbleiben. Zudem ist die Stadtverwaltung auch sehr bestrebt, dass die Leute nicht wegziehen. Sie werden sogar, wenn möglich daran gehindert.

Statt der betroffenen Bevölkerung zu helfen, exportiert die regierende LDP unter Ministerpräsident Shinzo Abe (LDP) die japanische Nukleartechnologie ins Ausland und will die eigenen AKWs in wieder ans Netz nehmen und die Kernenergie weiter ausbauen.

Die Erholungscamps außerhalb der verstrahlten Region, die für die Kinder geschaffen wurden, wurden alle durch private Bürgerorganisationen ins Leben gerufen und werden zum Großteil aus Spenden finanziert.

Vom Staat, für den der Profit vor Gesundheit der Bevölkerung geht, kommt da keine Hilfe.

Der NAZEN-Vorsitzende Y. Oda ergänzt bezüglich der atompolitischen Situation in Japan etwas zu der „unabhängig“ arbeitenden Atomaufsichtsbehörde NRA.

Die neuen Richtlinien der Sicherheitsanforderungen kerntechnischer Anlagen, die ab Juli 2013 in Kraft treten, hören sich zwar sehr streng an, sind aber so konzipiert, dass die meisten AKWs nach und nach wieder ans Netz gehen können.

Jüngste Fälle von Lebensmittelskandalen die aufgedeckt wurden, berichten darüber, dass kontaminierte mit nicht kontaminierten Lebensmitteln vermischt worden sind, um die gemessene Radioaktivität auf Werte zu senken, die für die Behörden in Ordnung sind.

Neben den Müttern aus Fukushima gegen Atomkraft plädiert auch die NAZEN dazu, die betroffene Bevölkerung aus den verstrahlten Städten Fukushima, Kōriyama und der Umgebung zu evakuieren.

Nach einer kurzen Filmvorführung, die über Anti-AKW Demos in Fukushima und Tokyo berichten, führte Chieko Shiina einen traditionellen Tanz aus der Fukushima-Region vor. Dazu trug sie einen regionale traditionelle Yukata-Jacke und einen weißen Handschuh mit der Aufschrift „怒" (do), das „Wut" heißt.

 

Ein Traditioneller Tanz aus der Region Fukushima, bei dem C. Shiina die Wut der Bevölkerung über die derzeitige Atompolitik in Japan und dem Umgang der Regierung mit den Opfern der Atomkatastrophe ausdrückt (Bild: Petra Alt)

 

 

 

 

 

 

 Interviews mit Chieko Shiina 

Interview der WZ mit Chieko Shiina der Organisation „Mütter aus Fukushima gegen Atomkraftwerke"

Interview der NRZ mit Chieko Shiina durch Bettina Schneider der Stiftung Ethecon

Nebeninformationen:

Chieko Shiina (66) führte ein beschauliches Leben als Biobäuerin in einer schönen Bergregion und betrieb dort eine gut gehende Pension.

... allerdings wehte der Wind am 11. März 2011 die freigesetzten radioaktiven Partikel des AKWs Fukushima Daiichi auch in ihre Region und verseuchte weite Landstriche.

Seit dem GAU im AKW Fukushima Daiichi engagiert sich Chieko Shiina für den Atomausstieg in Japan.

Sie campierte monatelang in einem Zelt vor dem Wirtschaftsministerium in Tokyo.

Mit weiteren Frauen aus der Präfektur Fukushima gründete sie die Organisation „Mütter in Fukushima gegen Atomkraftwerke", die sich vor allem für die Kinder, die zwangsläufig in der Strahlenregion leben müssen einsetzt. 

Behörden versuchen mit Hilfe der IAEA die gesundheitlichen Folgen in Fukushima zu verharmlosen

Für die Errichtung eines MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum), das die Gesundheit der Anwohner in der strahlenbelasteten Region überwachen soll wurde ein Abkommen für eine Zusammenarbeit zwischen der Präfekturverwaltung und der IAEA geschlossen. Da die IAEA die Kernenergie bekanntlich unterstützt und fördert, ist davon auszugehen, dass die Statistiken und Ergebnisse der am behördlichen MVZ durchgeführten Untersuchungen atomlobbyistenkonform ausfallen und die meisten pathologischen Veränderungen bei den untersuchten Patienten natürlich auch in keinem Zusammenhang mit der erhöhten Strahlung stehen.

Unabhängige Experten befürchten, dass hier durch die Folgen der Kernenergie verharmlost und entsprechend beschönigte Statistiken erstellt werden sollen.